Wien. Als Reinfried Blaha am 11. Februar 2006 beim Skifahren gegen einen Baum donnert, weiß er noch nicht, dass er sieben Jahre später darüber Vorträge an Universitäten halten wird. Der Schnee um ihn glitzert weiß. Im Tal liegt still der Skiort Lech, über ihm der Gipfel des Arlbergs. Ein bisher ungekannter Schmerz zerreisst das idyllische Bild, als hätte man ihn in der Mitte gebrochen, als wäre er ein geknickter Zweig. Er ist bei vollem Bewusstsein, als der Hubschrauber seinen unterkühlten Körper über den Köpfen der Schifahrer hinweg ins nächste Spital fliegt. Diagnose: Bruch des Lendenwirbelkörpers zwei, Vertebrae lumbales, kurz L2. Blaha wird notoperiert. Als er aufwacht, ist er querschnittsgelähmt.

Heute, Jahre nach dem Unfall, halten Reinfried Blaha und seine damalige Freundin Victoria Reitter zusammen Vorträge über ihre einjährige Reise durch Zentralamerika, die sie vier Jahre nach dem schweren Unfall Blahas gemeinsam gemacht haben. Sie geben Einblick in ihren Alltag mit und ohne Behinderung, einmal von seiner Seite, einmal von ihrer. Sie erzählen von einer Reise auf Rädern. Und sie sprechen vor allem über Grenzen. Ein Jahr waren die beiden mit dem Rollstuhl unterwegs und sind von Los Angeles über Baja California durch Mexiko, Belize, Guatemala, El Salvador und Honduras bis nach Nicaragua gefahren.

Als sie zurückkamen, waren sie irgendwie verändert, aber auch verstört, von dieser Welt, die sie zuvor Heimat nannten und die nun fremd geworden war. Sie wollten ihre Geschichte erzählen. 2013 begannen die beiden, Vorträge in Österreich zu halten. 2015 wurden sie zum ersten Mal nach Deutschland eingeladen: In Dresden hielten sie in der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik einen Vortrag, Thema: Stolpern und Aufstehen! - Auswirkungen und Bewältigung von Belastungen über die Lebensspanne.

Mit Hammerhaien tauchen


Kurz nach dem Unfall spürte Reinfried Blaha sich noch bis zur Hälfte seiner Oberschenkel. Aber mit jedem Tag wanderte die Lähmung Wirbel um Wirbel seine Wirbelsäule nach oben. Die Ärzte waren ratlos, kannten einen solchen Fall nicht, wussten nicht, was zu tun war. Nach einem Monat hatte die Lähmung die Oberkante des Halswirbels C4 erreicht, des Vertebra cervicalis IV. Bei Schädigung des Halswirbels C3 setzt die selbständige Atmung aus. Nach einem Monat stoppte die Lähmung. So plötzlich und rätselhaft, wie sie begonnen hatte. Mühsame Wochen im Reha-Zentrum folgten. Reinfried Blaha schrieb Tagebucheinträge die so begannen: "Heute zum ersten Mal..." Es war der langsame Übertritt in ein Alltagsleben.