Wien. Linus und Viktor stammen aus Deutschland und Tschechien. Die beiden 21-Jährigen leben seit 2014 als Studenten in Wien. Kurz nach ihrer Ankunft stolpern sie über eine Anzeige, in der Mitbewohner für eine Wohngemeinschaft (WG) gesucht werden.

Der Vermieter zeigt den beiden zwei halbfertige Wohnungen. Ein Zimmer ist unverputzt, im Badezimmer hängen blanke Kabel aus den Wänden, die Dusche ist noch nicht eingebaut. In einer Wohnung fehlt sogar die Küche. "Das wird alles in zwei Wochen fertig sein", verspricht der Vermieter. Die Studenten erhalten ein paar Seiten Text, die einem Standardmietvertrag nicht einmal ähneln. Darin heißt es unter anderem, dass sie die Miete in bar zu bezahlen hätten und es sich bei dem Anteil für Strom und Gas um ein Fixum handle.

"Das Zimmer war zudem noch sehr klein. Es hatte zehn Quadratmeter, vielleicht weniger. Aber ich habe das als Übergangslösung gesehen und dachte, ich suche mir sowieso schnell etwas anderes", sagt Viktor. Inklusive Strom und Gas verlangt der Vermieter pro Bewohner 400 Euro. Für den Eigentümer rentabel, leben doch elf Leute auf 200 Quadratmetern. Der Besitzer besteht von Anfang an darauf, die Bettwäsche aller Bewohner selbst zu waschen, angeblich, um Wasser zu sparen. "Wir vermuten aber, dass das ein Vorwand war, um alle zwei Wochen in die Wohnung kommen zu können", sagt Linus. Tatsächlich kommt und geht der Vermieter, wie es ihm passt.

Noch nie gesehen


In der WG steigt zu diesem Zeitpunkt der Unmut. Man ist unsicher, wie man weiter vorgehen soll. "Das war meine erste Wohnung, ich hatte keine Erfahrung", erklärt Linus. Bei der Mieterhilfe der Stadt Wien rät man ihnen, einen Anwalt zu engagieren. Über einen Studienkollegen erfährt Viktor von mietenchecker.at. Die Firma überprüft die Zulässigkeit von Mietzinsen, schlägt Anwälte für die Durchsetzung der Mieterrechte vor und erstreitet Rückzahlungen. Im Erfolgsfall erhält sie dafür 30 Prozent.

Klingt gut, finden die Studenten. Doch sie zögern. Bis sie von der österreichischen Finanzpolizei als Zeugen vorgeladen werden. Die Behörde will gegen ihren Vermieter vorgehen. Prompt meldet sich dieser per E-Mail. Darin heißt es, die Finanzpolizei ermittle nun wegen Steuerhinterziehung gegen ihn. Er schreibt: "Ich habe meinen Anwalt gebeten, bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Verleumdung, übler Nachrede und vor allem Kreditschädigung gegen euch alle einzubringen."

Er verlangt von ihnen, die Aussage bei der Finanzpolizei zurückzuziehen. Gleichzeitig will er, dass sie eine eidesstaatliche Erklärung abgeben, für die nächsten zehn Jahre keine rechtlichen Schritte gegen ihn einzuleiten. Er droht, seinen Einfluss dafür einzusetzen, dass sie in Wien nirgends mehr als Mieter angenommen werden, und die Anwaltskosten von ihrer Kaution abzuziehen.

Viktor schickt daraufhin eine SMS an seinen Studienkollegen. Sie brauchen sofort die Nummer von diesem Mietenchecker-Anwalt. Dieser schaltet sich ein. Wenig später erhalten die Studenten ihre Kaution ohne Abzüge zurück.

Der Geschäftsführer von mietenchecker.at Marko Vladic erinnert sich gut an den Fall. "Mein Kollege war dann in der Wohnung, um sich die Dinge anzusehen. Er hat mich völlig aufgelöst angerufen und sagte: So etwas hast du noch nie gesehen." Der Zustand der Wohnung und die große Anzahl der Mieter sowie die E-Mails des Vermieters waren selbst für die Mietenchecker ein Kuriosum.

Vladic fordert ein präziseres und transparenteres Mietrechtsgesetz. "Derzeit wissen weder Mieter noch Vermieter, wie viel man genau für eine Wohnung verlangen darf." Es brauche daher eine bundesweit einheitliche Richtlinie und das Erhalten der Mietzinsregulierung. "Diese soll entweder für Neubauwohnungen angepasst werden oder zumindest nicht für Altbauten aufgehoben werden."

Linus und Viktor wohnen heute wieder zusammen in einer WG. Auf dem WG-Klo hängen nun die besten Zitate aus den E-Mails des alten Vermieters. Die Mietenchecker haben ihren Fall vor die Schlichtungsstelle gebracht und warten nun auf einen Termin.