Wien. Die meisten Menschen denken im Alter von 33 an den nächsten Karriereschritt, an das erste Kind und an den Kauf einer Eigentumswohnung. Auch Fritz R. ist 33 Jahre alt. Von den Zielen seiner Altersgenossen ist er jedoch weit entfernt. Vielleicht wird er diese auch nie erreichen können. Einen Job oder eine Wohnung, so wie die meisten Menschen in seinem Alter, hat er schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Denn: Fritz R. steht auf der Straße. Er ist obdachlos.

Nächte auf kalten Parkbänken, altes verschmutztes Gewand und der Geruch nach Alkohol. Die Merkmale von Obdachlosen sind in der Gesellschaft klar definiert. "Doch das ist es nicht", sagt Fritz R. und schüttelt verärgert den Kopf. "Obdachlose sind Menschen wie du und ich", fügt er hinzu.

Um den Klischees entgegenzuwirken und ein Bewusstsein für das Leben der Obdachlosen zu schaffen, führt er seit kurzem durch Wiens Obdachloseneinrichtungen. Zweieinhalb Stunden dauert der Rundgang mit dem Namen "Shades Tours". Besichtigt werden Notschlafstellen und Essensausgaben wie etwa Gruft, Wiener Tafel oder VinziPort.

Auch Fritz R. passt nicht in das gängige Klischee des abgesandelten Wohnungslosen. Sein Gesicht ist glatt rasiert, er trägt eine schwarze Kappe, schwarze Jacke, blaue Jeans und feste Schuhe. Dass er seine Nächte in Notschlafstellen verbringt, merkt man ihm nicht an. Genüsslich stellt er am Anfang jeder Tour die Frage, ob die Teilnehmer ihn rein äußerlich als Obdachlosen identifizieren würden. Noch jedes Mal haben die meisten Teilnehmer mit einem stillen Kopfschütteln geantwortet und seinen Verdacht bestätigt.

Der Weg in die Obdachlosigkeit ist für die meisten Betroffenen ein kurzer. "Das geht so schnell, dass man nicht einmal zum Umdrehen kommt und schon drinnen ist", erzählt Fritz R. Bei ihm war es ein Wohnungskredit, den er sich nicht mehr leisten konnte. Das war vor neun Jahren. "Ich musste die Wohnung zurückgeben mit riesen Verlusten. Der Kredit ist geblieben."

Mit einem Freund zog Fritz R. daraufhin in eine kleine Wohnung. Auf 28 Quadratmetern lebten sie dort in Untermiete. Nachdem der Mietvertrag nicht verlängert wurde, stand Fritz R. auf der Straße. Obwohl er damals noch als Eisenlackierer gearbeitet hatte, konnte er nicht mehr das Geld für den laufenden Kredit und die Miete für eine neue Wohnung aufbringen.

Kurze Zeit später verlor er auch seinen Job. "Arbeiten gehen ohne eigene Wohnung ist schwer, weil man keine Möglichkeit hat sich zurückzuziehen", erzählt der Obdachlose. In seinen eigenen vier Wänden. Für sich alleine sein. Damit war es nun vorbei.

Ohne Meldezettel
und ohne Konto


Am Anfang seiner Obdachlosigkeit schlief Fritz R. in der Notschlafstelle im Otto Wagner Spital. Einlass war jeden Abend um 18 Uhr. Am nächsten Tag musste er die Einrichtung spätestens um 7:30 Uhr verlassen. Die Drei- bis Zehn-Bett-Zimmer waren meistens voll belegt mit Menschen, die ebenso ganz unten in der Gesellschaft angekommen waren. Viele hatten Schlafprobleme, einige weinten oder redeten vor sich hin. An ein Durchschlafen sei jedenfalls nicht zu denken gewesen, erzählt Fritz R. "Ich hatte daher auch keine Kraft mehr mir einen neuen Job zu suchen."

Zudem hatte er ohne Meldezettel und ohne Konto - die Bank hatte es gesperrt - ohnehin schlechte Karten auf dem Jobmarkt. "Wer nimmt schon einen Obdachlosen?", sagt Fritz R. Die Bank wollte aber weiterhin den Kredit zurückgezahlt haben. Nachdem Fritz R. nicht mehr zahlen konnte, schaltete die Bank ein Inkassobüro ein. "Seit damals verlangen sie von mir auch noch monatlich Verzugszinsen", sagt er.

Einen Job hat Fritz R. bis heute nicht. Würde er einen Job annehmen, würde sein Einkommen vom Inkassobüro gepfändet werden. Jeden Monat wird er daran erinnert, wenn sie ihm wieder ein Schreiben wegen Zahlungsverzugs in die Obdachloseneinrichtung Gruft zukommen lassen. Durch die Verzugszinsen hat sich über die Jahre ein Berg von Geld angehäuft. Dass er die Schulden irgendwann zurückzahlen können wird, ist unwahrscheinlich.

Um sich die Zeit zu vertreiben, arbeitet er in der Gruft bei der Spendenannahme. Einen Euro "Sozialtherapeutisches Taschengeld" pro Stunde bekommt er dafür gezahlt. Maximal 140 Euro darf er im Monat verdienen. Sein Haupteinkommen bezieht er aus der Mindestsicherung, die 837,76 Euro beträgt.

Zu wenig, um die Schulden zurückzahlen zu können und der Obdachlosigkeit zu entkommen. Mit einem Job würde er sogar noch weniger herausbekommen. "Selbst, wenn mich jemand auch ohne Meldezettel und Konto einstellen würde, hätte ich zwei Monate später eine Pfändung, sodass ich unter dem Minimum bin. Dann könnte ich mir gar nichts mehr leisten", sagt Fritz R.

Bei der Schuldnerberatung Wien kennt man solche Fälle zur genüge. "Das ist der Teufelskreislauf", sagt Alexander Maly, Geschäftsführer der Beratungsstelle. "Durch die Sozialhilfe hat ein Obdachloser mehr Geld, als wenn er arbeiten gehen würde. Als Arbeitsloser kann er aber nicht gepfändet werden."