Wisch, wisch. Tageszeitungen lesen wir hauptsächlich auf dem Smartphone-Display. Zeitungsmacher jammern und suchen neue digitale Konzepte gegen schrumpfende Auflagen. Hat als Kollateralschaden auch der Zeitungshalter ausgedient? Nicht für Luc Bouriel. Für den 30-Jährigen stellen sie sein Haupteinkommen dar. Vor drei Jahren hat der junge Franzose das Unternehmen "Korbsalix" gegründet, mit dem ambitionierten Ziel, dem fast ausgestorbenen Handwerk des Korbflechtens neues Leben einzuhauchen. Die Kombination aus "Korb" und dem lateinischen Begriff "salix" (Weide) ist dem Comic Asterix entlehnt. Luc Bouriel gefällt sich in der Figur des Korbflechters aus dem kleinen gallischen Zaubertrank-Dorf.

Weiden-Flechtkunst war in den letzten Jahren vorwiegend auf Mittelalterfesten und Bauernmärkten anzutreffen. Mittels neuer Flechttechniken und eigener Korbkreationen wollte der Franzose dem Handwerk einen neuen, modernen Anstrich verpassen. Im Werkstatt-Kollektiv "Kunstkanal" im zweiten Wiener Gemeindebezirk fertigt er Einkaufskörbe an, sogenannte Kerzenschaukeln und atmosphärische Lampen, die mit jedem Designerstück mithalten können. Mit Erfolg, der Verkauf läuft. Auch seine Flechtworkshops, in denen er Interessierten Techniken etwa aus Burkina Faso vermittelt, sind gut besucht.

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Weiden haben "unendliche Nutzungsmöglichkeiten"

Die kleine Erfolgsgeschichte von "Korbsalix" begann in Irland. Im Zuge einer Permakultur-Ausbildung entdeckte Bouriel das Korbflechten mit Weiden. Fasziniert von der Pflanze und ihren "unendlichen Nutzungsmöglichkeiten" wollte er sich so viel theoretisches und praktisches Wissen wie möglich über das Handwerk aneignen. Spontan spazierte er in Werkstätten, kontaktierte Betriebe und ließ sich von Menschen, die das Handwerk seit Jahrzehnten und mit Leidenschaft ausübten, in die Geheimnisse der Flechtkunst einweihen. Sie erzählten ihm Geschichten über Großeltern und Eltern und von unzähligen Winterstunden einer fast meditativen Arbeit vor dem wärmenden Ofen. "Mir ist aufgefallen, dass das Alter in dem Beruf sehr hoch ist und diese Kunst bald verloren sein wird", erzählt er. Nach Wien zog es ihn der Liebe wegen.

Im Wiener Kaffeehaus unverzichtbar wie die Melange: Der Zeitungshalter. - © WZ / Eva Zelechowski
Im Wiener Kaffeehaus unverzichtbar wie die Melange: Der Zeitungshalter. - © WZ / Eva Zelechowski

Als Luc Bouriel eines Tages die Werkstatt des 90-jährigen Korbflechters Johann Tuschel in Korneuburg betrat, sollte dies der erste Schritt in die Selbstständigkeit sein. Von dem alten Handwerker, der vorwiegend Zeitungshalter und Simperl (Körbe für Bäckereien) herstellte, ließ er sich einige Flechttechniken beibringen. Schließlich bot ihm Tuschel, der sich zur Ruhe setzen wollte, sein Zeitungshalter-Geschäft zur Übernahme an. Sein ganzes Leben hatte der Korneuburger im 1867 gegründeten Familienbetrieb Körbe und Zeitungshalter geflochten. Da das alte Handwerk de facto mit ihm geendet hätte, war er froh über den jungen Nachfolger. Bouriel kaufte den gesamten Kundenstock für die Zeitungshalter, samt Werkzeug aus der alten Werkstatt. "Hier habe ich Maschinen, Formen und traditionelles Werkzeug aus dem 19. Jahrhundert", erzählt Bouriel, während er mit einem Lächeln zärtlich die alten Eisenformen berührt.

Pro Jahr 2.000 Zeitungshalter

Wie lukrativ ist das Geschäft? "Es läuft gut. Vom Kundenstock für die Zeitungshalter kann ich ganz gut leben", sagt der 30-Jährige. Pro Jahr fertigt er in seiner Werkstatt etwa 2.000 Zeitungshalter an, meist für Großhändler, Hotels und Kaffeehäuser. In den letzten Jahren vor seiner Pension kam Tuschel mit der Produktion nicht mehr nach – die meisten Zeitungshalter in Österreich kamen aus seiner Werkstatt. Die leer gewordenen Lager der Auftraggeber aufzufüllen, war ein profitabler – und stressiger – Start in die neue Branche. Wer privat einen Zeitungshalter für die Sonntagslektüre bestellen möchte, kann dies bald über seine Website tun.

Seine zweitwichtigste Einkommensquelle sind Flechtkurse. Der Verkauf von Körben auf Märkten ist schwieriger, da aufwendiger. Außerdem ist die Konkurrenz sehr stark: Ein Korb im schwedischen Möbelhaus koste genauso viel wie bei ihm allein die Materialkosten – ohne Arbeitsaufwand.
Wer sind die Menschen, die in Flechtkurse gehen? Das Profil ist vorwiegend weiblich, 40 plus, mit alternativem Lebensstil, Bio-Öko-Ausrichtung. Auch Personen aus der Mittelalter-Szene und Rollenspiel-Community fänden sich darunter. Für einen Wochenendkurs sind 110 Euro pro Teilnehmer zu bezahlen, ein vierstündiger Workshop kostet etwa 50 Euro.

Dass für das Korbflechten Weide verwendet wird, ist Tradition. In Europa ist die Pflanze schließlich heimisch. Es wird aber auch viel mit tropischen Pflanzen wie Bambus und Rattan geflochten.

Das Geheimnis perfekter Weiden