Eine zusätzliche Milliarde Euro für Integration fordert Landau von der Regierung. - © Stanislav Jenis
Eine zusätzliche Milliarde Euro für Integration fordert Landau von der Regierung. - © Stanislav Jenis

Wien. Nach der Präsidentschaftswahl ist das Land gespalten, sagen viele. Caritas-Chef Michael Landau appelliert an die Bevölkerung, nun wieder aufeinander zuzugehen und sich auf das, was Österreich ausmacht, nämlich auf das Miteinander und das Zusammenstehen zu fokussieren. Außerdem warnt er im Interview vor aggressiven Hass-Postings und Drohungen. Zur Milderung der Flüchtlingskrise in Wien braucht es laut Landau den Ausbau der Hilfe in den Krisenregionen, ein Integrationspaket und ein besonderes Augenmerk auf jene, die Not erleiden.

"Wiener Zeitung": Sie haben im letzten Interview gesagt, wer Österreich liebt, spaltet es nicht. Ist das Land nach dem "arschknappen" Präsidentschaftswahlsieg Alexander Van der Bellens gespalten?

Michael Landau: Mein Appell und meine Bitte ist, den Wahlkampf nun endgültig zu beenden und aufeinander zuzugehen. Das haben beide Seiten, also sowohl das Lager von Norbert Hofer als auch von Van der Bellen, versprochen, und das sollten beide Seiten nun auch tun.

Was wir mehr als eine Woche nach der Stichwahl aber immer noch sehen, sind aggressive Hass-Postings in sozialen Medien, Morddrohungen und Aufrufe zu Gewalt, vor allem in Wien. . .

Wir brauchen ein Mindestmaß an Würde, Respekt, Achtung und Anstand. Es ist in der Tat sehr erschreckend, dass hier manches geschrieben wird, das vor ein paar Monaten noch unmöglich gewesen wäre. Hier sehe ich die Gefahr, dass jene, die gerne vor Parallelgesellschaften warnen, sich zusehends in einer medialen Parallelöffentlichkeit einrichten. In einer vermeintlichen Wirklichkeit, die nur noch die eigene Sicht auf die Welt zulässt.

Wie kann man jetzt beide Lager wieder einen?

Ich verstehe prinzipiell, dass Wahlkampfzeiten hitzig sind und alle Beteiligten Kanten herausarbeiten wollen. Es gehört auch zur Politik, über Unterschiede zu reden und zu streiten. Das macht eine Demokratie bis zu einem gewissen Grad auch lebendig. Gleichzeitig sollten wir auf Verhältnismäßigkeit achten: Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind, uns nicht schlechterreden als angebracht.

Dennoch gibt es Diskrepanzen . . .

Ja, die Aufgaben, die vor uns liegen sind riesig - ich denke hier etwa an die dramatisch hohe Arbeitslosigkeit -, aber gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass es uns miteinander noch immer sehr gut geht. Was Österreich groß gemacht hat, ist die Fähigkeit zusammenzustehen und die gemeinsame Anstrengung. Jetzt brauchen wir auch die Bereitschaft, auf die Schwächsten nicht zu vergessen - in Österreich und darüber hinaus in Europa und weltweit. Kardinal König prägte das Wort: "Wir leben auf einer Insel. Früher hieß diese Insel Österreich, dann Europa und heute umfasst sie die ganze Welt."

Welche Bilanz ziehen Sie in der Flüchtlingskrise seit dem Herbst? Gibt es Entspannung im Ballungsraum Wien?

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl von Menschen auf der Flucht insgesamt gestiegen. Derzeit sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Gleichzeitig ist die Zahl jener Menschen, die auf ihrer Flucht Österreich erreichen, zuletzt etwas zurückgegangen. Wir sollten uns jetzt aber nicht zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen. Wir brauchen dringend europäische Lösungen.

Viele Menschen verbinden Angst mit der Thematik. Wenn etwa Flüchtlinge - Stichwort Vergewaltigungen am Praterstern - Gewalttaten verüben ...

Für Gewalt kann es niemals Toleranz geben - ganz gleich, von wem sie verübt wird. Umgekehrt sollten wir aber nicht den Fehler machen, von der Tat Einzelner auf alle anderen zu schließen.

Was für Lösungsansätze sind Ihrer Meinung nach notwendig?

Drei Dinge: Erstens brauchen wir einen Ausbau der Hilfe in den Herkunftsländern und in den Krisenregionen. Nur so kann es gelingen, dass Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen. Hier hat die Bundesregierung erste sehr ermutigende Schritte gesetzt. Weitere müssen folgen. Wir spüren nämlich immer mehr, dass die Welt zu einem globalen Dorf geworden ist. Und in einem globalisierten Dorf lässt sich Verantwortung nicht abschieben. Zweitens brauchen wir mehr Integration in Österreich. Nach dem Unterkommen in den Notquartieren, brauchen wir nun auch ein großes Ankommen in der Gesellschaft. Dazu müssen sie rasch die Sprache erlernen können, ihre Kompetenzen ergänzen, um so selbst einen Beitrag in der Gesellschaft leisten zu können. Letztlich ist es gerade jetzt sehr wichtig, dass wir die Not der Österreicher nicht vergessen. Niemand soll das Gefühl haben, dass ihre oder seine Not vergessen ist. Hier geht es um Schlüsselthemen wie leistbaren Wohnraum, um Pflege, Begleitung von Menschen am Ende ihres Lebens und die 500.000 Arbeitslosen.

Haben Sie für Ihre drei Vorschläge konkrete Beispiele?

Also zum einen finde ich das soziale Integrationsjahr der Regierung sehr positiv. Zum anderen sollte es neben der bereits fixierten zusätzlichen Milliarde Euro im Budget für das Heer und der Milliarde für die Polizei auch dringend eine Milliarde für Integration geben. Wenn nichts geschieht, wird die Quartierskrise von gestern die Integrationskrise von morgen. Außerdem muss die Bildungsdiskussion wieder sehr rasch in Gang kommen. Jedes Kind sollte seine Begabungen entfalten können. Hierzu sollte man sowohl den Kindergarten stärker als Bildungsinstitution verstehen als auch das Schulfach "Politische Bildung" flächendeckend verpflichtend einführen.