Tina Leisch (l.) als Bürger Utilitarius und Hanna Binder (r.) als Sexarbeiterin vor dem Andromeda Brunnen. - © Valentine Auer
Tina Leisch (l.) als Bürger Utilitarius und Hanna Binder (r.) als Sexarbeiterin vor dem Andromeda Brunnen. - © Valentine Auer

Wien. Gelächter und ausgelassene Stimmung vor dem Andromeda Brunnen im Hof des Alten Wiener Rathaus, ein Symbol des aufkommenden Bürgertums. Am Balkon oberhalb des Brunnens verkündete der Stadtrat einst seine Verordnungen. Getragen wurden sowohl Balkon als auch Stadtrat von vier engelsgleichen Kinderstatuten, die die Kardinaltugenden symbolisieren: Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung. Heute finden sich sechs Menschen hier ein, um in einer szenischen Lesung die Erstarkung bürgerlicher Werte und die damit einhergehende Kontrolle der Triebe, des Exzesses, darzustellen.

"Mühsal und Plage, das hat den Menschen vom Affen erhoben. Disziplin und Selbstbeherrschung", hallt es durch den Hof. Es spricht die fiktive Figur des Bürgers Thomas Utilitarius. Klassisch gekleidet mit braunem Hut und langem dunklen Mantel. Nur die rote Brille mag sich nicht in das Bild des männlichen Bürgers einpassen.

Die Brille gehört zur Regisseurin und politischen Aktivistin Tina Leisch, die im erotisch-historischen Rendezvous das Bürgertum verkörpert, sich in ihrem tatsächlichen Leben aber ganz und gar nicht bürgerlich gibt. Sie ist Initiatorin der Lustwerkstatt. Eine Plattform und ein werdendes Archiv, das sich mit Geschichte und Gegenwart der weiblichen Sexarbeit in Wien auseinandersetzen und dabei gegen die Stigmatisierung der Dienstleisterinnen ankämpfen will.

Querlesen


"Aus der Härte gegen sich selbst leitet man das Recht, ja beinahe die Pflicht ab, unnachgiebig gegen die unproduktiven und lasterhaften Unterschichten vorzugehen." So bettet die analytische Stimme von Alma Hadzibeganovic den Dialog zwischen Utilitarius und einer Sexarbeiterin in den gesellschaftlichen Kontext des 18. Jahrhunderts ein. Die Kunsthistorikerin Hadzibeganovic ist für die Konzeption der insgesamt drei Rendezvous verantwortlich. Doch nicht nur bürgerliche Werte beeinflussten den Umgang mit der Sexarbeit. Es ist nur ein kleiner Teil der Geschichte. Hadzibeganovic und Leisch zeigen auf, wie unterschiedlich die Wiener Gesellschaft mit sexuellen Dienstleistungen umgegangen ist und machen bewusst, "dass Geschichte meist Herrschaftsgeschichte ist. Man liest selten Statements, Meinungen und Bekenntnisse der unteren Klassen. Ihre Wahrnehmung wurde als nicht relevant erachtet und nicht aufgezeichnet. Das Bestehende muss daher quergelesen werden", erklärt Leisch.

Illegalisierung in der Neuzeit


Also versucht sich Hadzibeganovic an einem Querlesen der Archive zur Sexarbeit. So wird deutlich, dass Stigmatisierung und Illegalisierung von Sexarbeit vor allem in der Neuzeit aufkam. Die erste urkundliche Erwähnung der "Dienstleisterinnen im erotischen Sektor" in Wien geht in das Jahr 1278 zurück. Rudolf von Habsburg selbst nahm die "gelüstigen Frauwen" unter Schutz und verbot, sie zu beleidigen. Sexarbeiterinnen wurden zu Königsempfängen, zu adligen Hochzeiten eingeladen. Die "Gemeinen Frauenhäuser", die im 14. Jahrhundert beim Tiefen Graben, beim ehemaligen Kärtnertortheater und in der "Laimgrube" standen, entlohnten Amtsträger, finanzierten gar ein Nonnenkloster.

Dann kam das 16. Jahrhundert. Die Frauenhäuser wurden geschlossen, die Sexarbeiterinnen aus der Öffentlichkeit gedrängt. "Der eher liberale Zugang hat sich radikal mit Franz Ferdinand I geändert. Prostitution wurde fortan geächtet. Im Mittelalter hatten Sexarbeiterinnen zwar keine Bürgerrechte, aber sie wurden nicht stigmatisiert, kriminalisiert und verfolgt", erklärt Hadzibeganovic den veränderten Zugang zur Sexarbeit, der sich bis heute hält.

Kaiser Ferdinand I. führte 1560 die "geheime Keuschheitskommission" ein und veröffentlichte ein "Verzeichnis etlicher verdächtiger und leichtfertiger Örter in Wien". Dazu zählten der Neue Markt, Kärnter Straße, Herrengasse oder auch damalige Vorstädte wie Erdberg oder Gumpendorf.

60 Häuser am Spittelberg


Zwei Jahrhunderte später unter Maria Theresia wurde die Keuschheitskommission offiziell als eigene Hofkommission deklariert. Beamte, die wie Spitzel agierten, ahndeten Sittlichkeit. Sexarbeiterinnen mussten als Strafe kahlgeschoren die Gassen kehren oder wurden im "Narrenkötterl" am Hohen Markt eingesperrt. Mit dem Regierungsantritt Kaiser Josefs II. wurde die Keuschheitskommission zu einem großen Teil abgeschafft, die Illegalität der Sexarbeiterinnen ins Strafgesetz verlagert. Die Folgen dieses restriktiven Zugangs war unter anderem das Entstehen eines verruchten Rotlichtmilieus. Zuerst rund um die Basteien, wo "Winkelbordelle" mit klingenden Namen wie "Bey der neunfingerten Steyrischen Gredl" entstanden. Um 1790 gab es etwa 60 Häuser am Spittelberg. Die Sexarbeiterinnen erhielten von den Wienern die Beinamen "Bierhäuselmenscher" oder "Spittelbergnimpfen".

"Ein historischer Blick zeigt uns, dass es über die Jahrhunderte in der Wiener Stadtgeschichte Sexarbeiterinnen gegeben hat, die diesen Beruf gewählt haben. Mit Tücke, Witz und subversiven Strategien haben sie sie versucht, den sich wechselnden Verboten und Strafen anders zu begegnen", erklärt Leisch die Wichtigkeit sich mit Geschichte auseinander zu setzen. So wurden sowohl das Straßenkehren als auch das Eingesperrt-Sein von den bestraften Sexarbeiterinnen ironisch umgedeutet und genutzt um bereits bekannte Kunden zu umwerben und neue zu gewinnen.