Wien. Was dem Berliner sein Kiez ist dem Wiener sein Grätzl. Doch die dörfliche Gemütlichkeit inmitten des Großstadtgetriebes hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stark gelitten: Immer mehr kleine Geschäfte fallen großen Einkaufszentren zum Opfer. In vielen Vierteln stehen die Erdgeschoßlokale ganzer Häuserfronten leer, das Leben findet in den Wohnungen und kaum noch auf der Straße statt.

Der Leerstand in ihrer Wohngegend, dem Stuwerviertel im 2. Bezirk, war es auch, der Mirjam Mieschendahl auf die Idee brachte, eine Plattform zur Stadtteilbelebung zu gründen. "Viele Selbständige und Kleinunternehmen sind nicht für die Bewohner sichtbar, weil sie gar keine Geschäftslokale haben", erklärt sie. Ihre berufliche Erfahrung im Aufbau von Online-Plattformen nutzten sie und ihre Kollegen der Firma morgenjungs zur Einrichtung der Plattform "Im Grätzl".

Finanzielle Unterstützung

Auf der Internetseite können sich seit April zum Beispiel Selbständige, Kleinunternehmer oder Kulturinitiativen in einem der 160 Wiener Stadtteile registrieren und auf sich aufmerksam machen. Interessierte Bewohner des Grätzls sehen dann entweder online oder über einen Newsletter sofort, was sich in ihrer Gegend gerade tut. Die Teilnahme ist für alle kostenlos, nur für Rabatt- oder Gutscheinaktionen - "Grätzlzuckerl", wie sie auf der Plattform genannt werden - müssen die Unternehmer einen Beitrag leisten. Dieser wird zur Hälfte in den Betrieb der Website investiert, der andere Teil soll helfen, Initiativen im Grätzl zu fördern. Die "Grätzlmarie", wie sie die Gründer nennen, steckt aber noch in den Kinderschuhen. "Natürlich können wir keine riesigen Projekte damit fördern, aber es hakt oft schon am Druck von Flyern, da können wir aushelfen", erläutert Mieschendahl. Die Plattform selbst und damit auch ihre eigene Arbeit sind nicht gewinnorientiert. Den finanziellen Grundstein legte eine Förderung der Wiener Wirtschaftsagentur. "Wir wollen damit unseren sozialen Beitrag leisten, weil wir verhindern wollen, dass die Geschäfte wegsterben."

Persönlicher Kontakt

Es geht darum, Bewohner, Selbständige und Stadtteilinitiativen zusammenzubringen - virtuell und persönlich. Gerade Letzteres sei wichtig, damit nicht nur die junge Generation an der Grätzl-Belebung teilhaben kann. So gibt es die Newsletter auch in gedruckter Form, in einigen Grätzln bringen eigene "Grätzlbotschafter" die Menschen zueinander.

Und am Samstag organisiert die Plattform ein Wohlfühl-Event in sechs Bezirken: Im 2., 6., 8., 9., 18. und 20. Bezirk können sich Besucher aller Altersgruppen unter dem Motto "Feel Good im Grätzl" kostenlos von Gesundheitsanbietern aus ihrem Stadtteil verwöhnen lassen. Angeboten werden Kostproben von Kosmetik über Massagen, Tanz, Ernährungs- und Schlafberatung bis hin zu Bewegungstraining für über 50-Jährige und Zirkusstunden für die Kleinen. Auch bei dieser Aktion war der persönliche Kontakt wichtig: In Vorbereitungstreffen wurden die Anbieter miteinander vernetzt, der Austausch soll auch weiterhin gepflegt werden.