Wien. Schrill, bunt und laut soll es auch heuer wieder zugehen an diesem Samstag, wenn die Wiener Innenstadt wieder in Pink getunkt wird und sich die Vielfalt bei der 21. Regenbogenparade unter dem Motto "Grenzen überwinden" breitmacht. Das Motto ist bewusst gewählt, denn es soll die Flüchtlingsthematik thematisiert werden. Die Veranstalter wollen daran erinnern, dass nach wie vor in vielen Ländern Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt würden.

Die Stadt hat sich jedenfalls schon seit Tagen herausgeputzt. Auf mehreren öffentlichen Amtshäusern, aber auch auf der Staatsoper weht die Regenbogenflagge, in der Innenstadt treffen Fußgänger auf gleichgeschlechtliche Ampelpärchen und die Straßenbahnen sind mit Regenbogenbeflaggung unterwegs. Einige Gastronomiebetriebe werben mit "I’m gay and I’m so f*cking proud of it" (Ich bin schwul und verdammt stolz drauf).

Ein wenig mulmig ist aber dennoch vielen Stammgästen der Parade angesichts des jüngsten Terroraktes gegen einen Schwulenclub in Orlando. "Wir leben in einer Zeit, wo niemand völlig ausschließen kann, dass nicht auch bei uns, wo niemand es erwartet, etwas passieren kann", sagt Tobias Stelzer. Der 29-jährige Student ist seit 15 Jahren bei der Parade dabei und will auch heuer hingehen, denn "wenn wir uns einschüchtern lassen, dann haben die gewonnen." Dennoch scheint es, als würde die Bluttat in der US-Stadt, bei der der 29-jährige Omar Mateen, ein US-Bürger mit afghanischen Eltern, in der Nacht zum Sonntag in einem Club für Schwule und Lesben 49 Menschen getötet und 53 verletzt hatte, bevor er von der Polizei erschossen wurde, wie eine dunkle Wolke über die Veranstaltungen schweben. In ganz Europa wurden bei diversen Regenbogenmärschen die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Auch in Wien habe man "das Sicherheitskonzept nach den Vorfällen in den USA neu evaluiert und angepasst", hieß es von einem Polizeisprecher gegenüber der "Wiener Zeitung". Nachsatz: "Es gibt aber keinerlei konkrete Hinweise auf eine Terrorbedrohung in Wien". Nichtsdestotrotz würde heuer auch der Verfassungsschutz vor Ort sein. Die Sondereinheit Cobra und die Wega seien sowieso immer in Bereitschaft.

"Der Schutz der Teilnehmer steht im Vordergrund"

Nach den Ereignissen in Orlando und den weltweiten Vorkommnissen in den vergangenen Wochen steht für die Polizei in erster Linie der Schutz der Teilnehmer im Vordergrund. Die Parade sei aber seit vielen Jahren eine an sich sehr friedliche Veranstaltung.

Die Parade startet um 15 Uhr beim Sigmund-Freud-Park (Schottengasse) und bewegt sich in Richtung Börse um den Ring. Der "Moment des Gedenkens", für den die Regenbogenparade wie immer um 17 Uhr für eine Minute zum Stillstand kommt, wird dieses Jahr den Opfern des Hassverbrechens in Orlando gewidmet. Endstation der Parade ist gegen 19 Uhr wieder im Sigmund-Freud-Park.

Nicht nur polizeilich, auch organisatorisch ist im Gegensatz zu den vergangenen Jahren heuer einiges anders: Zum einen wird nicht traditionell andersrum, also gegen die Fahrtrichtung marschiert. Da am selben Tag der "Marsch für Jesus" stattfindet, haben die Organisatoren Vorkehrungen getroffen, damit beide Kundgebungen friedlich über die Bühne gehen können. Außerdem ist der Ausgangs- und Endpunkt des bunten Treibens nicht wie immer der Rathausplatz (dieser wird bereits durch die Euro-Fußball-Fanzone in Beschlag genommen), sondern der Regenbogenpark im Votivpark. Dies wiederum macht eine geänderte Routenführung notwendig - so wird das Rathaus heuer hinten herum passiert.

Als Höhepunkt soll der neue SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern bei der Abschlusskundgebung das Wort ergreifen. Es wird das erste Mal sein, dass ein Bundeskanzler bei der Regenbogenparade eine Rede halten wird.

Wiens erster bekennender schwuler Bezirkschef von Mariahilf, Markus Rumelhart, sagt, dass es gerade jetzt wichtig ist, ein deutliches Zeichen zu setzen. "Unsere Vision einer weltoffenen Gesellschaft gründet auf Wertschätzung, Anerkennung und gleichen Rechten", unterstreicht er. Menschenrechte seien universell und unteilbar. Leider gelte dieser Anspruch noch immer nicht überall auf dieser Welt. "Daher brauchen wir Solidarität im Kampf gegen Homophobie und Transphobie und für die Anerkennung von vielfältigen Familienformen. Zusammen sind wir stärker", sagt er. Rumelhart wird heuer die Stadt Wien und Stadträtin Sandra Frauenberger bei der Abschlusskundgebung vertreten.