Die jüngsten Aktionen tun sie als Bubenstreiche unbelehrbarer Hitzköpfe ab, die sie nicht kontrollieren könnten. Ähnlich argumentiert Feykom-Obmann Berger, wenn er auf die Besetzung des türkischen Tourismus-Büros angesprochen wird. "Davon wussten wir nichts. Wir verurteilen solche Aktionen", sagt er.

Während die Führungsebene die jüngsten Zwischenfälle als pubertäre Scharmützel abtut, prahlt die junge Basis damit, dass sie nur ein Vorgeschmack dessen seien, was noch kommen wird. Das Angriffssignal ist auf beiden Seiten klar. Sie halten so lange ruhig, bis einer stirbt. Ist das lediglich die Ansage protziger Großmäuler, die sich in ihrem Macho-Habitus überbieten wollen? Oder ist es tatsächlich das Warnsignal einer ernstzunehmenden Eskalation?

"Das schaukelt sich so lange in die Höhe, bis es zu einem Crash kommt. Wir kennen das aus den 90er Jahren", erzählt Erich Zwettler, Leiter des Wiener Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Damals waren die Konflikte zwischen den Gruppen noch blutiger. Heute geht es vergleichsweise glimpflich zu, eine Sachbeschädigung da, eine Körperverletzung dort. Schusswaffen seien laut Zwettler bisher nicht im Spiel gewesen. "Wenn wir es nicht schaffen, die Emotion einzufangen, dann wird es irgendwann ein gröberes Problem geben", prognostiziert er.

Als Grund für die aktuellen Ausschreitungen vermutet Zwettler die jüngsten Infokampagnen kurdischer Vereine. Hintergrund der Kampagnen war eine Konferenz im französischen Metz im Mai dieses Jahres. Dort hat sich die Koma Civaken Kurdistan (KCK), die Union der Kurdischen Gemeinschaften, versammelt. Es ist die oberste Dachorganisation der PKK und der PKK-Schwesterparteien in Syrien und im Iran. Die Union hat an ihre Mitglieder und Sympathisanten die Order ausgegeben, verstärkt in der Öffentlichkeit die eigene Agenda zu propagieren.

"In Wien haben wir dazu zehn Tage ein Aktion geplant", erzählt Feykom-Obmann Berger. Jeweils fünf Tage standen Aktivisten durchgehend mit Infoständen am Stephansplatz und auf der Mariahilfer Straße, inklusive PKK-Logos und Öcalan-Banner. In türkischen Medien wurde die Aktion verurteilt. Wie kann eine Terrororganisation so unverfroren auf den Straßen Wiens Werbung machen? Warum lasse das Österreich zu? Und viel mehr: Warum lassen das die Türken zu, peitschten Kommentatoren ihre Landsleute im In- und Ausland ein.

Osmanen
Germania

Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Nach einem Tag haben sich Grüppchen von türkischen jungen Männer formiert. Wenige Meter vor den Ständen wedelten sie mit der türkischen Fahne und beschimpften die Aktivisten. Unerwartet war dieses Verhalten für viele Feykom-Veteranen. In der Regel werden sie von türkischen Passanten als Terroristen beschimpft, doch ein organisiertes Auftreten in dieser Form haben sie bis dato nicht erlebt. Und sie waren mit einer neuen Gruppe konfrontiert. Männer in schwarzen Kutten mit der Aufschrift "Osmanen Germania." Dabei handelt es sich um eine deutsche Rockergang, ähnlich den Hells Angels. Die Mitglieder begreifen sich als Anhänger eines brüderlichen Boxclubs, in dem alle Nationen willkommen sind, auch wenn der türkische Hoheitsgedanke mit martialischen Werbeclips im Internet à la - "Wir sind die Osmanen, die Königsrasse, die Elite der Straße" - untermauert wird. Deutsche Behörden bezeichnen die Osmanen als die am schnellsten wachsende Streetgang in Deutschland.

Ein Jahr nach der Gründung soll es dort bis zu 1000 Mitglieder geben. Auch in Österreich sollen sich bereits in Linz, Innsbruck und Wien die ersten Chapter gebildet haben. Laut Verfassungsschutz dürfte es noch keine Ableger in Wien geben. Kampfsportler berichten hingegen, dass sich die ersten Osmanen in Favoriten formieren würden.

Inwiefern die Osmanen eine politische Agenda verfolgen, ist noch unklar. Präsent sind sie in Wien bereits. Zuletzt wurden sie vor zwei Wochen am Heldenplatz auf der Friedensdemonstration der UETD gesichtet. Dort wollten die 12 Männer in ihren Kutten das Ordnungspersonal stellen, was von den Organisatoren abgelehnt wurde. "Es war für uns ein mulmiges Gefühl, weil wir keine Erfahrungswerte hatten. Im Endeffekt ist aber nichts Schlimmes passiert", beschwichtigt Hakan Gördü, der stellvertretende Vorsitzende der UETD.

Aufgeladen war die Stimmung allemal. Nach der Kundgebung versammelten sich einige türkische Jugendliche in der Jurekgasse. Ihr Ziel: das kurdische Vereinslokal. Die Polizei konnte einen Zusammenstoß verhindern. Für dieses Mal.