Auch jetzt
der Opferrolle treu

Bei aller Aufbruchstimmung, an die neue Rolle hat sich selbst Stadler noch nicht ganz gewöhnt. Dem Opfernarrativ als Oppositioneller bleibt er auch heute noch treu, wenn er gegen die rote Stadtregierung schimpft, die ihn blockieren würde. So wurde beispielsweise bereits in der Vorgängerperiode beschlossen, die Straßenbahnlinie 71 bis nach Kaiserebersdorf zu führen. Der Beschluss wurde von allen Fraktionen getragen. Die Weichen schienen gestellt zu sein. Nun sehen die Wiener Linien keinen Bedarf, die Linie so weit zu führen. Dort fahre bereits die Linie 6 und selbst die sei kaum ausgelastet. "Entweder bestraft die rote Stadtregierung die Roten in Simmering, weil sie verloren haben, oder sie bestraft die Simmeringer Bevölkerung, weil sie blau gewählt hat", interpretiert Stadler die Entscheidung. Für die Wiener Linien stand bereits vor der Wahl am 11. Oktober fest, die Linie 71 nicht bis nach Kaiserebersdorf führen zu wollen. "Das ist keine politische Debatte für uns, sondern wir schauen, ob das betrieblich sinnvoll ist. Egal ob der Bezirk rot oder blau ist", erklärt Michael Unger, der Sprecher der Wiener Linien.

Das spielt für Paul Stadler keine Rolle. Er weiß um die Macht der schiefen Optik. Und er weiß um das Dilemma der Genossen. "Die Stadtpartei hat die Macht und sitzt auf dem Geld. Wenn sie gescheit ist, gibt sie mir ein bisschen etwas da und dort. Denn wenn sie mir gar nichts gibt, gehe ich in die Medien und sage: Wir kriegen gar nichts mehr in Simmering bewilligt", sagt Stadler. Er lächelt. Er kennt die Kniffe der Opposition. Lange hat er sie aus seinem Kammerl heraus praktiziert. Als Bezirksvorsteher steht ihm ein weitaus größeres Repertoire zur Verfügung. Und er hat vor, es zu nützen.