Wien. "Wissen Sie, dass es Menschen in Wien gibt, gebildete Menschen, wohlgemerkt, die noch nie im Riesenrad gefahren sind?", fragen Franz Hubmann und Helmut Qualtinger in ihrem Buch "Der Wiener Prater oder die schönste Illusion der Gegenwart: Schießbudenfiguren, Watschenmänner und das Ringelspiel des Lebens". Die Erkundigung von 1986 ist zwar eher rhetorisch, aber dennoch: Der Wiener Prater ist ein lebendiges Mosaik, das seit 250 Jahren unter verschiedensten Vorzeichen nach Beliebtheit trachtet. Um die daraus resultierenden Veränderungen und Zukunftsprognosen abzuschätzen, wurden einige tragende Menschen in und um den Prater im letzen Beitrag der Serie "Unbekannte Pratergeschicht’n" um ihre Statements gebeten:

Nikolaj Pasara. - © Marschall
Nikolaj Pasara. - © Marschall

Nikolaj Pasara (Praterunternehmer und Ururenkel des legendären Rumpfmenschen Nikolai Kobelkoff)

Was waren die größten Veränderungen im Prater in Ihrer
Laufbahn?

Der große Sprung war, wie es hier mit den großen, wunderbaren Schaustellungen begonnen hat, die uns Kleinunternehmern Konkurrenz machten. Es war immer sehr familiär, nicht nur das Angebot, auch das Publikum. Der Prater lebt nach wie vor von der Tradition: Er hat eine Seele, und er hat etwas zu erzählen. Man findet immer wieder neue Kleinigkeiten, es ist kein steriler Ort, sondern ein Ort mit Charme und Geheimnissen, auch, weil der Prater nicht künstlich aus dem Boden gestampft wurde, sondern eine lange Geschichte hat. Und der Prater ist mitten in der Stadt, und dadurch auch ein irrsinnig wichtiger Motor, nicht nur für die Wirtschaft, sondern für die ganze
Gesellschaft.

Wie sehen Ihre Zukunftsprognosen für den Prater aus?

Für das Publikum wird der Prater immer interessant bleiben, weil er sich immer weiterentwickelt. Der Prater war stets ein Vorreiter in technischen Belangen und jener Ort, wo neue Entwicklungen als erstes ausgetestet wurden: Stuwers Feuerwerke und Ballonflüge, Hochschaubahnen, später dann auch bewegte Bilder im Kino. Selbst heute ist der Prater noch immer ein Testfeld, aktuell etwa mit dem "Skydiving".

Robert Kaldy-Karo. - © Luiza Puiu
Robert Kaldy-Karo. - © Luiza Puiu

Robert Kaldy-Karo (Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums sowie leidenschaftlicher Prater-Forscher)

Was waren die größten Veränderungen im Prater in Ihrer
Laufbahn?

Mein erster Pratergedanke ist einer, den sicher viele teilen können: mein Aufenthalt hier als Firmling. Die zweite Phase war als Schüler, wo der Prater ein absolutes No-Go war - eigentlich -, besonders für Kinder aus gutem Hause. Wir haben aber dennoch regelmäßig Flipper gespielt, das war damals die große Mode. Mit 17, 18 hab ich die ersten alten Artisten im Prater kennengelernt, die mich mehr auf die Geschichte neugierig gemacht haben. Es hat aber einige Jahre gedauert, bis ich mich wieder ernsthaft damit beschäftigt habe. Ich war zwar immer aktiver Zauberkünstler, aber die Praterforschung hat erst später angefangen. Allgemein historisch gesehen waren die Weltausstellung 1873 und der Zweite Weltkrieg die größten Zäsuren: 1873, weil man den Prater erneuert hat, und der Zweite Weltkrieg, weil man ihn vernichtet hat.
Vorläufig.

Clownmuseum
Clownmuseum

Wie sehen Ihre Zukunftsprognosen für den Prater aus?

Der Prater wird sich immer wieder neu erfinden. Es werden immer wieder neue Fahrgeschäfte entstehen müssen, die die Jugendlichen in den Prater locken. Der Prater wird zwar alle paar Jahre totgesagt, aber es wird immer jemanden geben, der den Prater für sich entdeckt, unter einem Kastanienbaum was essen, sich in einer Schaubude vergnügen oder mit einem Rollercoaster fahren möchte - oder alles an einem Ort kombinieren. Der Prater war immer ein Experimentierfeld technologischer Entwicklungen, er ist immer weitergegangen, nie zurück. Es ging nie in die Vergangenheit, es gab nie Rückschritt, man denke nur an Entwicklungen wie Kino, Ringelspiele oder die Technik der Fahrgeschäfte: Der Prater war stets innovativ und jener Ort, wo diese Neuerungen zuerst ausprobiert worden sind.

Stefan Sittler-Koidl. - © N. Spasic
Stefan Sittler-Koidl. - © N. Spasic

Stefan Sittler-Koidl (Präsident des Praterverbands und Praterunternehmer, u. a. Blumenrad)

Was waren die größten Veränderungen im Prater in Ihrer
Laufbahn?

Ich bin erst im November 2014 zum Präsidenten des Praterverbands gewählt worden, das war die Initialzündung für große Veränderungen im Prater: mich - auch in Vorbereitung auf das 250-Jahr-Jubiläum - als jüngsten Präsidenten seit jeher ins Rennen zu schicken. Wir sind sehr gut unterwegs und mit frischen Ideen an die Sache herangegangen. Damit haben wir schon große Erfolge eingefahren, etwa das Halloween-Fest: innerhalb von zwei Jahren haben wir eine Veranstaltung kreiert, die vielleicht vergleichbar ist mit dem 1. Mai-Fest. Auch der Faschingsumzug im Februar hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Diese anlassbezogenen Veranstaltungen gab’s vorher gar nicht oder nur wenig erfolgreich. Der Unternehmergeist der jungen Generation ist geweckt worden und wir wollen alle gemeinsam den Prater zu dem machen - ich sage jetzt bewusst nicht, "zu dem, was er einmal war", sondern zu dem, wozu er eigentlich gedacht ist: zu einem Volksprater für alle.