Ein symbiotisches Bild gaben der Polizist und die jungen Türken bei der Demonstration Mitte Juli ab. - © Spasic
Ein symbiotisches Bild gaben der Polizist und die jungen Türken bei der Demonstration Mitte Juli ab. - © Spasic

Wien. Sie gaben ein schönes Bild ab: Der Polizist und die jungen Türken. Brav haben sich die Burschen um den Beamten versammelt. Sie sollten ihm helfen, an diesem Samstagnachmittag Mitte Juli, an dem sie auf die Mariahilfer Straße gekommen waren, um gegen den vereitelten Militärputsch in der Türkei zu demonstrieren. Sie, die Burschen mit den türkischen Fahnen, waren plötzlich Teil des Polizeieinsatzes. Stolz standen sie neben dem Einsatzleiter. Einer durfte gar neben ihm im Polizeiwagen Platz nehmen und zum Megafon greifen. Seine Aufgabe: Er sollte die Anweisungen der Beamten auf Türkisch übersetzen.

Ein paar hundert Polizisten waren an diesem Tag im Einsatz. Keiner sprach Türkisch, um dieser Aufgabe Herr zu werden. Wie reagiert die Polizei bei solchen Fällen? Wie sieht der Aktionsplan aus, wenn sich ethnische Konflikte auf der Straße entladen? Hat sie überhaupt einen Plan?

Bei dem aktuellen Fall handelte es sich um eine Spontandemonstration. In der Regel würde man die Einsätze schon so koordinieren, dass auch Kollegen dabei sind, die der Sprache der Demonstranten mächtig sind, heißt es aus der Pressestelle. Wie viele denn nun tatsächlich der türkischen Sprache mächtig sind, kann auf die Schnelle nicht beantwortet werden. Viele sind es nicht. Offiziell wird nicht erhoben, wie viele der 7000 Polizisten in Wien einen Migrationshintergrund haben. Es wird lediglich ermittelt, wie viele Männer und Frauen bei ihrer Aufnahme in die Polizeischule angeben, eine Fremdsprache zu sprechen. Das sind derzeit rund sieben Prozent. Das schließt hingegen auch autochtone Österreicher mit ein, die über zusätzliche Sprachkenntnisse verfügen. Immerhin hat sich dieser Wert im Vergleich zu 2007 um ein Vielfaches erhöht, damals lag er bei einem Prozent.

Mit Kampagnen wie "Wien braucht dich" hat die Polizei in den vergangenen vier Jahren versucht, Migranten in den Beruf zu locken. Pro-aktiv schwärmen die Beamten in die Moscheen, Vereine und Parks, um potenziellen Nachwuchs zu rekrutieren. Man bietet Migranten gar spezielle mehrtägige Vorbereitungskurse im Integrationsfonds an, damit sie für die Aufnahmeprüfung an der Polizeischule besser gewappnet sind. In der Exekutive weiß man um das Potenzial der Multikulti-Bewerber. Schließlich sind sie elementarer Bestandteil einer ethnischen Polizeiarbeit.

Diese findet derzeit in Wien im Referat für Minderheitenkontakte statt. Seit 2010 gibt es das Büro. Hier im ersten Stock der Polizeiinspektion in der Hufelandgasse 4 in Meidling kümmern sich drei Beamte um die "Beziehungen zwischen der Polizei und den in Wien lebenden Minderheiten." Revierinspektor Mladen Mijatovic ist einer von ihnen. Er ist auch der einzige mit Migrationshintergrund. Seit drei Jahren arbeitet Mijatovic, dessen Eltern in den 90er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich geflohen waren, im Referat. Er "stellt Beziehungen her." Das bedeutet in erster Linie vor allem eines: Netzwerken. Man schließt Kontakte zu den größeren Institutionen der diversen Communitys, baut sich Ansprechpersonen auf, die man bei etwaigen Problemfällen gleich zur Rate ziehen kann.

In politische Belange mischen sich die drei Polizisten nicht ein. "Wir haben keine politischen Kontakte, weil politische Gruppierungen keine Minderheiten sind", erklärt Mijatovic. So fallen Aktionen wie die Demonstration Mitte Juli oder der Vorfall am vergangenen Sonntag, als türkische Nationalisten ein kurdisches Vereinslokal angreifen wollten und dabei statt auf Kurden, auf feiernde Serben gestoßen sind, nicht in ihre Zuständigkeit. Für politische Angelegenheiten ist der Verfassungsschutz zuständig. Wie viele Leute dort in den einzelnen Communitys in welcher Funktion unterwegs sind, wird nicht verraten.

Bitte, beruhig die Situation

Das Referat ist nur für die Feel-Good-Arbeit verantwortlich. Kontakte knüpfen, auf Feste gehen, Hände schütteln. Die harte Präventivarbeit findet ohnehin auf der Straße in der täglichen Polizeiarbeit statt, wenn Beamte mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam auf Streife gehen.

In jeder der 82 Polizeiinspektionen arbeitet mittlerweile ein Kollege mit Migrationshintergrund. Ob dieser auch tatsächlich in der Arbeit "ausgelebt" wird, sei den Kollegen überlassen. "Es gibt Personen die sagen: ‚Ich habe zwar einen Migrationshintergrund, will aber damit nichts zu tun haben‘", sagt Mijatovic. Abgeschoben in die ethnische Polizeiarbeit wird kein Kollege. "Wir versuchen nicht auf Zwang Kollegen mit Migrationshintergrund als Schild bei Demonstrationen da voranzustellen und zu sagen: bitte beruhig jetzt die Situation", sagt Mijatovic "wenn die Situation einmal so aufkocht, muss man taktische Maßnahmen anwenden." Denn, dann würden auch ein paar Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen nicht mehr weiterhelfen.