Wien. Die Österreichische Ärztekammer (ÖAK) wies am Mittwoch einmal mehr auf die Missstände im Gesundheitswesen hin: Ärztemangel, Überlastung, überbordende Bürokratie und veraltete Strukturen lautet das Fazit. Die Spitalsärzte würden derzeit 40 Prozent der Arbeitszeit für Bürokratie aufwenden müssen. Sie hätten keine Zeit mehr, die jungen Mediziner auszubilden, deshalb gingen viele ins Ausland, sagt ÖAK-Vizepräsident Harald Mayer am Mittwoch. Die Ärztekammer in Wien geht noch einen Schritt weiter. Bis 21. August will die Standesvertretung von den Spitalsärzten wissen, ob sie Kampfmaßnahmen wünschen oder nicht - die "Wiener Zeitung" hat berichtet. Derzeit läuft eine elektronische Umfrage dazu. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer Wien, erklärt im Interview, warum sie diesen Schritt gemacht haben.

"Wiener Zeitung": Vor welchen Herausforderungen stehen Wiens Spitalsärzte derzeit?

Thomas Szekeres: Sie haben immer weniger ärztliche Arbeitszeit zur Verfügung. Das beruht teilweise auf dem neuen Arbeitszeitgesetz, teilweise auf der Abwanderung von Ärzten ins Ausland. 40 Prozent der Arbeitszeit wird für Bürokratie aufgewendet und es wird immer mehr. Das ist ein Prozentsatz, der keinen Sinn macht. Hier könnte man sehr wohl einsparen.

Aber befindet sich nicht genau diese Strukturveränderung auf Basis des neuen Arbeitszeitmodelles für Ärzte auf dem Weg?

Nur teilweise und noch viel zu wenig. Der Krankenanstaltenverbund (KAV) arbeitet in die Richtung ja, es ist aber noch nicht zu 100 Prozent umgesetzt. Es macht keinen Sinn, eine diplomierte Schwester oder einen Arzt zum Eintippen von Befunden zu verwenden, um nur ein Beispiel zu nennen. In Wien lag die durchschnittliche ärztliche Arbeitszeit vor zwei Jahren bei 55 Stunden pro Woche. Jetzt möchte man auf 40 Stunden reduzieren. Die ärztliche Arbeitszeit wird um ein Drittel reduziert, da muss es zu Leistungsreduktionen kommen.

Warum stimmen Sie jetzt über einen Streik ab?

Das ganze System entwickelt sich in die falsche Richtung. Der Krankenanstaltenverbund möchte gerne Schichtdienste einführen, das muss man aber auf jeder Abteilung individuell entscheiden. Derzeit kommt es zu keiner Entlastung, sondern nur zu einer Reduktion der ärztlichen Arbeitszeit. Abgesehen davon haben wir in Wien eine wachsende Bevölkerung und die Zahl der Kassenärzte ist stagnierend, das heißt, die einzelnen Ärzte werden immer mehr belastet und in manchen Fächern wartet man monatelang auf einen Termin. Unsere Forderung wäre, dass man zusätzliche Kassenärzte schafft. Das geht aber nicht, weil die Wiener Gebietskrankenkasse finanziell im Eck ist. Die WGKK hat ein finanzielles Dilemma. Sie hat wenig Beitragszahler und viele Versicherte - bei den Arbeitslosen und Pensionisten zahlt die Kassa drauf. Man müsste sich neue Modelle überlegen, etwa dass die reichen Kassen die armen Krankenkassen unterstützen, sprich ausgleichen, oder dass der Bund Geld zuschießt.

Wenn das neue Ärztearbeitszeitgesetz voll und ganz umgesetzt worden ist, wird es ohne Neuanstellungen gehen?

In manchen Abteilungen wird es sich ausgehen, in anderen nicht. Es gibt Mangelfächer etwa in der Kinderpsychiatrie, Psychiatrie, Strahlentherapie und Anästhesie. Anästhesisten haben wir gar nicht viele, die sind sehr gefragt. Und dann gibt es einen relativen Mangel, weil viele weggehen. Von zehn Absolventen fangen vier nicht in Österreich zu arbeiten an.

Warum?

Bis zum vorigen Jahr lag es vor allem an den finanziellen Rahmenbedingungen. Die Gehälter sind aber nun durch das neue Gesetz gestiegen. Im Ausland ist die Beschäftigung mit den Absolventen intensiver.

Von einem Arzt hat man schon das Bild eines sehr gut Verdienenden.

Das stimmt so nicht. In Relation zum Einsatz, zum Risiko ist es nicht so viel. Wir müssen uns an den Angeboten im Ausland messen. Da haben wir im vergangenen Jahr erstmals halbwegs ein gleiches Niveau erreicht.

Die ÖAK stellte fest, dass das Ärztebild weiblich wird. Schon jetzt gebe es bei den angehenden Allgemeinmedizinern einen Frauenanteil von 73 Prozent. Wie ist das in Wien?

Wir haben in Wien mehr als 50 Prozent weibliche Ärzte und der Trend geht hinauf - mit der Konsequenz, dass es Arbeitszeitmodelle geben muss, wo Beruf und Familie vereinbar sind.