Wien. Die Wiener Ärztekammer läuft auf Hochtouren. Ihr voran der Präsident der Wiener Ärzte, Thomas Szekeres. Immer härter werden die Formulierungen, immer härter werden die Fronten. Am Mittwoch wurde das Gesundheitssystem seitens der Kammer gar für "komplett bankrott" erklärt. Und alle Seiten warten nun darauf, dass die am Sonntag endende Umfrage unter Ärzten, ob die Notwendigkeit eines Streiks besteht oder nicht, die nächsten Schritte vorgibt.

Der Krankenanstaltenverbund (KAV) pocht darauf, seinen Teil des Vertrags eingehalten zu haben. Das neue Ärztearbeitszeitgesetz sei im Wiener Landtag beschlossen worden. Die Ärzte hätten ihre höheren Gehälter bei kürzerer Arbeitszeit erhalten, nun sollten sie sich an die restlichen vereinbarten Bedingungen halten, so KAV-Generaldirektor Udo Janßen. "Ich verstehe schon, dass eine Veränderung auch Umstände mit sich bringt und die individuelle Lebenssituation dadurch verändert wird, aber dafür gibt es ein höheres Gehalt." Dass die Wiener Ärztekammer fast permanent das Kriegsbeil schwingt, führt Janßen auf die bevorstehenden Ärztekammerwahlen im Frühjahr 2017 zurück. Man müsse ja eine Wählbarkeit provozieren, sagt der KAV-Generaldirektor.

"Auf Teufel komm raus"


Für den Ärztekammerpräsidenten ist die Junktimierung der jetzigen Situation mit den Wahlen im nächsten Jahr ein Affront. Szekeres bezeichnete dies als "Bankrotterklärung des gesamten Wiener Gesundheitswesens". Seit Monaten werde in den KAV-Spitälern "auf Teufel komm raus" rationiert. Dies betreffe sowohl die personelle Besetzung wie auch den Leistungsumfang. "Wenn nun weitere 40 Nachtdiensträder gestrichen werden, was nichts anderes bedeutet, als dass 14.600 Mal im Jahr an einem Nachmittag und in der Nacht in den KAV-Häusern jeweils statt zwei Ärzten nur mehr einer da ist, statt drei Ärzten nur mehr zwei, und so weiter, dann verfolgt die Gemeinde Wien nur mehr ein Ziel, nämlich die Minimierung von ärztlichen Leistungen am Rücken und zum Schaden der Patienten", so Szekeres.

Der Aufregung der Ärzte rund um die Nachtdienste kann der KAV nichts abgewinnen. Auch die Ärzte seien einverstanden gewesen, die hohe Nachtdienstleistung in Wien von 135.000 auf 100.000 zu reduzieren. Die neuen zentralen Notaufnahmen an den KAV-Spitälern sollen Abteilungen von Aufnahmen in der Nacht entlasten. Dies wiederum könne zur Reduktion von Nachtdiensten und Verlagerungen in den Tag führen.

Erstes Gebot sei aber natürlich immer die Vernunft, sagt Janßen. Dort, wo Nachtdienste notwendig sind, werde es immer genügend geben. Der KAV rechnet nicht mit einem Streik, stellt aber klar, dass falls es doch zu einem kommen würden, Notdienste immer vorhanden sein müssten.

Während Wiens Ärztekammer und der KAV mit Zahlen jonglieren, weiß im Grunde niemand mehr so recht, welche Zahlen nun stimmen. Für den Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer ist auch genau das das Problem: "Der KAV hat viel zu wenig Zahlenmaterial, um eine so schwerwiegende Maßnahme vornehmen zu können", sagt Pichlbauer zur "Wiener Zeitung". "In keinem anderen Betrieb wäre das möglich, dass die Arbeitsstunden der Mitarbeiter so drastisch reduziert werden."

Für Pichlbauer ist klar, dass beide Seiten sehr viel Politik machen. Beim KAV sieht er Management- und politische Fehler. "Die Nachtdienstreduktion am ersten Ferientag einzuführen und dann hoffen, dass möglichst wenig da sind, ist nicht besonders klug", so der Gesundheitsökonom.

Bis zum Jahr 2014 haben Berichte des Rechnungshofes immer wieder darauf hingewiesen, dass auch der KAV Arbeitszeitaufzeichnungen zu führen hat. "Am Ende hat niemand genau gewusst, wie viel tatsächlich gearbeitet wurde", so Pichlbauer. Der KAV habe nun 13 Jahre Zeit gehabt, um Pläne für die von der EU geforderten Umstellung der Ärztearbeitszeiten zu schmieden. "Doch nichts davon ist passiert", so der Gesundheitsökonom. Seiner Meinung nach müsste man nun ein paar Jahre lang Zahlen und Fakten sammeln, um den Istzustand feststellen zu können. Erst dann würde eine Umstellung funktionieren.

Für Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely ist es ein Spagat. Sie will sich erst nächste Woche dazu äußern. Für Ökonom Pichlbauer ist aber klar ersichtlich: "Die Stimmung unter den Ärzten ist unter jeder Kritik."