Wien. Das Berghain ist eine Institution. Einige würden gar behaupten, dass es der berühmteste Club der Welt ist. Jedes Jahr pilgern tausende Menschen nach Berlin, nur um sagen zu können, auch sie standen vor dem Technoclub Schlange, auch sie wurden von den ruppigen Türstehern abgewiesen und auch sie haben sich einfach noch einmal hinten angestellt. Im Juli haben die Betreiber des holländischen Beyon-Festivals dem Szeneclub gar ein Denkmal gesetzt. Drei Tage lang konnten die Festivalbesucher vor der Attrappe eines Mini-Berghains Schlange stehen - und sich gemäß Berliner Berghain-Manier von Türstehern abweisen lassen.

Verwaist ist das Morrison auf der Rechten Wienzeile. Auch dieser Club musste wegen eines Mieters zusperren. - © Nathan Spasic
Verwaist ist das Morrison auf der Rechten Wienzeile. Auch dieser Club musste wegen eines Mieters zusperren. - © Nathan Spasic

Für Wiener Clubs werden keine Attrappen nachgebaut. Für sie kommt keiner extra nach Wien. Das soll sich nun ändern, geht es nach den Initiatoren der "Vienna Streetparade." Zum 10. Mal findet die Club-Parade diesen Samstag ab 13 Uhr vor der Oper statt. Unter dem Motto "Rette deinen Club" will die Szene auf die Probleme der heimischen Clublandschaft aufmerksam machen. "Das ist viel Licht am Horizont", gibt sich Organisator Michael Palliardi optimistisch. Der Eventmanager plant seit 20 Jahren Großveranstaltungen in Wien. Seit einem Jahr ist er auch der Obmann der Interessengemeinschaft Clubkultur, einer Lobby für Club-Betreiber. Viel hat sich in den vergangenen Jahren in der heimischen Szene getan. Auch seitens der Politik. Die Sperrstunde wurde auf sechs Uhr Früh verlängert, die Vergnügungssteuer soll noch diesen Herbst reformiert werden und neuerdings gibt es sogar regen Austausch mit dem Büro des Kulturstadtrats. "Clubkultur wird langsam als Kultur anerkannt", sagt Palliardi.

Dennoch. Die vergangenen Jahre haben auch ihre Opfer gefordert. 2012 hat der Club Market auf der Linken Wienzeile zugesperrt. Ein Jahr darauf sein Nachbar, der Morrison Club auf der Rechten Wienzeile. Und ein Jahr darauf der Ost Klub am Schwarzenbergplatz. Der Grund war immer der gleiche: Anrainerbeschwerden. Zu viele schlaflose Nächte hat sie der Lärm aus den Clubs gekostet. Es folgten Anzeigen und Klagen gegen die Betreiber. So oft und so lange, bis sie schließlich einknickten und zusperrten. Aktuell macht ein Fall die Runde: die Bettelalm am Lugeck. Seit drei Jahren hat die Rustikaldisco in der Innenstadt geöffnet. Und seit drei Jahren gab es Probleme mit den Anrainern. Mit einem Anrainer. Er ist ein Mieter einer Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er zeigte nicht nur die Betreiber wegen diverser Überschreitungen an, sondern auch Paketboten und Lieferanten des Clubs. Selbst Polizisten und Beamte des Magistrats soll er wegen Amtshaftungsklagen in der Causa bedroht haben.

Am Ende gab ihm der Verwaltungsgerichtshof im Juni recht. Ja, es sei tatsächlich zu laut in der Sonnenfelsgasse. Vor allem, wenn Gäste vor dem Lokal stehen. Der Club habe die Verantwortung für sie, auch wenn sie auf dem Gehsteig stehen würde. Fazit: Die Sperrstunde muss vorverlegt werden. Von sechs Uhr Früh auf Mitternacht.

Ein Paragraph, sie zu knechten

Ein Schock war das Urteil für Mario Obermaier, dem Betreiber der Bettelalm: "Wir befürchten, dass wir jetzt zusperren müssen." Zwei Millionen Euro haben er und seine Geschäftspartner in den Club investiert. Und eine halbe Million in die Prozesskosten gegen den Anrainer. "Er terrorisiert nicht nur uns, sondern will die ganze Gastronomie hier umbringen", behauptet Obermaier. "Er zeigt sogar seine eigenen Nachbarn an, wenn sie für ihn zu laut mit Stöckelschuhen durch das Stiegenhaus gehen." Das Urteil kann er naturgemäß nicht nachvollziehen. "Es ist nicht fair uns dafür verantwortlich zu machen, wenn vier Leute auf dem Gehsteig sind und miteinander reden. Wir haben keine Handhabe auf den Gehsteig, er gehört uns nicht."

Die Richterin habe sich auf einen bestimmen Paragraphen der Gewerbeordnung gestützt: Paragraph 113, Absatz 5. Er besagt: "Wenn die Nachbarschaft wiederholt durch ein nicht strafbares Verhalten von Gästen vor der Betriebsanlage des Gastgewerbebetriebes unzumutbar belästigt wurde oder wenn sicherheitspolizeiliche Bedenken bestehen, hat die Gemeinde eine spätere Aufsperrstunde oder eine frühere Sperrstunde vorzuschreiben." Der Paragraph kann vielen Clubs in Zukunft die Existenz kosten, wenn das Beispiel der Bettelalm Schule macht. "Wir hoffen, dass die Politik diesen Paragraphen entschärft, weil sonst - theoretisch - mit 2018 jedes Lokal geschlossen werden könnte", befindet Obermaier.

2018 tritt das Rauchverbot in Kraft. Es ist anzunehmen, dass sich dann noch mehr Gäste vor den Lokalen aufhalten. Und ein Anrainer wird sich immer finden, der dagegen protestiert, prognostiziert Obermaier. Schon jetzt hat der Fall der Bettelalm so manchen Nachahmer inspiriert, heißt es aus der Szene. Was am Lugeck funktioniert, soll auch in ihrer Nachbarschaft funktionieren, so das Kampfmotto der schlaflosen Mieter. Vor allem für innerstädtische Club-Betreiber werden sie zu einem zunehmenden Berufsrisiko. Sie werden nicht einkalkuliert in den Businessplan der Betreiber. Zumindest nicht in dieser Größenordnung. Jede Lokaleröffnung ist mit zahlreichen Auflagen verbunden. Erst, wenn alle Behörden zufriedengestellt sind, bekommen die Betreiber ihre Genehmigung. Es ist ein langwieriger und mitunter teurer Prozess.