Wien. "Die Sendung mit der Maus hat im Jahr 2016 eine neue Bedeutung gewonnen", erklärt Davor Sertic, Chef des Logistikunternehmens UnitCargo und Gründer des "Forum Green Logistics", wo vergangenen Mittwoch im Erste Campus im Quartier Belvedere über die Herausforderungen im Lebensmittelhandel, vor allem durch Onlineanbieter, diskutiert wurde.

Auch in der Donaumetropole Wien, die mit ihrer Dichte an Lebensmittelgeschäften ganz oben im europäischen Vergleich steht, werden in Zukunft immer mehr Menschen im Netz ihre Kühlschränke füllen. Neben einzelnen Großanbietern wie dem Onlinelieferservice von Billa und einer Vielzahl an Spezialhändlern erwartet man vor allem den Auftritt des Versandriesen mit seinem Lebensmitteldienst "Amazon fresh", der bereits in Berlin lanciert wurde. Der steigende Onlinevertrieb wird nicht nur höhere Umweltbelastung und Lkw-Kolonnen zur Folge haben. Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der dualen Hochschule Baden Württemberg, prophezeit auch in Wien Ladensterben und starken Verdrängungswettbewerb.

Dass die Wiener Lebensmittelgeschäfte ihrem erwarteten Massensterben durchaus entgegentreten können, davon ist Jungunternehmer David Savasci überzeugt. "Wenn die stationären Händler zukunftsorientiert denken und vor allem dazu bereit sind, miteinander zusammenzuarbeiten, werden sie das auch überstehen."

Per Mausklick um die Ecke


Das Konzept von Savascis Startup-Lieferservice "Zuper" setzt auf Lokalität und Dezentralität. Es fasst alle lokalen Händler in Wien auf einer Plattform zusammen und bekämpft so quasi Feuer mit Feuer. Bestellt ein Kunde online, besorgt einer von vielen Einkäufern im Umkreis zu den nächsten Geschäften und fasst dort die Waren zusammen. Als Beispiel nennt Savasci den Partner Wein und Co. Anstatt die Produkte aus einem zentralen Lager zu nehmen, stehen den Einkäufern acht Standorte in der Donaumetropole zur Verfügung.

Die Lieferung landet dann wenig später vor der Haustüre und das laut Gründer Savasci ressourcen- und umweltschonend. Aber nicht so schnell wie möglich, sondern vor allem in den abendlichen Randzeiten, wenn die Kunden bereits zuhause sind. Dabei kostet eine Lieferung ab einem Warenwert von 35 Euro lediglich knappe vier Euro. Wie rentiert sich das? "Die Geschäfte rabattieren uns die Waren, da wir die Logistik für sie übernehmen", erklärt David Savasci. Auch die Einkäufer, die selbständig seien, könnten davon leben und würden im Schnitt 14 Euro in der Stunde verdienen, merkt er an.

"Mach’s doch selbst"


Sabina Haupt kehrt dem industriellen Onlinekauf ganz den Rücken. Die Bloggerin will auf "ichmachesanders" zeigen, dass es kein Ding der Unmöglichkeit ist, sich seine Lebensmittel nachhaltig und ganz ohne Supermärkte und Onlineshops selbst zu beschaffen. Mittlerweile habe sie viele umweltschonende und abfallvermeidende Alternativen des Lebensmitteleinkaufs in Wien gefunden, beispielsweise den Biomarkt in der Lange Gasse, die Weltläden, Lunzers Maß-Greißlerei in der Heinestraße im zweiten Bezirk, wo man ohne unnötige Wegwerf- und Plastikverpackungen einkaufen kann, oder die Käseschatztruhe in der Kettenbrückengasse. Außerdem hat sie sich mit anderen Haushalten zu einer sogenannten FoodCoop zusammengeschlossen. Hier kauft man gemeinsam ein und sucht passende Lieferanten aus. Die Wiener Wirtschaftskammer betrachtet das Konzept skeptisch. Zwar begrüße man die Unterstützung regionaler Händler, poche aber darauf, dass FoodCoops als gewerbliche Einkaufsgemeinschaften eine dementsprechende Anmeldung benötigen, heißt es auf Anfrage.

Dieser Lebensstil braucht aber vor allem viel Zeit. Für ihren Blog und die alternative Lebensmittelbeschaffung hat Haupt ihren Vollzeitjob gegen eine Teilzeitstelle bei einem Projektbüro getauscht. "Das ist auch kein Lebensstil, den jeder führen will und muss, man kann niemand zu etwas zwingen. Wer es aber versuchen möchte, dem empfehle ich, bei einem Punkt anzusetzen, der einem sehr am Herzen liegt. Und bloß nicht mit Druck an die Sache herangehen", meint Sabina Haupt.