Obdachlose Frauen sind in der Öffentlichkeit weniger sichtbar als Männer. - © Daniel Jarosch
Obdachlose Frauen sind in der Öffentlichkeit weniger sichtbar als Männer. - © Daniel Jarosch

Wien. Wer an Obdachlose denkt, hat ein ganz klares Bild vor Augen: Männer in zerschlissener Kleidung, die auf öffentlichen Plätzen oder in Parks schlafen. An Frauen denkt man dabei kaum. Der Grund für diese "Unsichtbarkeit" ist die verdeckte Wohnungslosigkeit, eine größtenteils weibliche Erscheinungsform der Obdachlosigkeit.

"Obdachlose Frauen legen sich nicht auf eine Parkbank", sagt Elvira Loibl, Leiterin des FrauenWohnZentrums der Caritas. Genau das zeichnet verdeckte Wohnungslosigkeit aus: Betroffene führen ein Schattendasein, sie suchen nach privaten Lösungen und lehnen die Hilfe von öffentlichen Einrichtungen ab. Um ihre Notlage zu verbergen, wohnen sie bei Verwandten, Bekannten oder in sogenannten Zweckpartnerschaften. "Vor ein paar Tagen haben wir eine Frau betreut, die seit zwei Jahren geschieden ist und aus finanziellen Gründen trotzdem noch bei ihrem Mann gewohnt hat", berichtet Loidl. Diese Abhängigkeit ist für die Betroffenen auch psychisch eine enorme Belastung.

Wohnungslose Frauen
meist unsichtbar


Viele verdeckt obdachlos lebende Frauen werden auch in offiziellen Zahlen nicht erfasst: Da sie nicht in öffentlichen Betreuungseinrichtungen erfasst werden, scheinen sie in keiner Statistik auf. "Aufgrund des erhöhten Armutsrisikos und der höheren Betroffenheit von Gewalt ist jedoch davon auszugehen, dass Frauen in einem stärkeren Ausmaß von Obdach- oder Wohnungslosigkeit bedroht beziehungsweise betroffen sind, als es diese Zahlen ausweisen", sagt ein Sprecher des Fonds Soziales Wien.

Um dieses Problem stärker ins Bewusstsein zu rufen, findet im Rahmen der Wienwoche das Stationentheater "Meisterinnen der Unsichtbarkeit" statt. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen führt die Veranstaltung in je zweistündigen Spaziergängen durch den öffentlichen Raum in Wien. Regisseurin Valerie Kattenfeld erzählt dabei die auf Interviews basierenden Lebensgeschichten zwölf obdachloser Frauen.

Ein wichtiger erster Schritt, um aus solchen prekären Wohnsituationen auszubrechen, stellt oft ein Besuch in betreuten Einrichtung wie dem Ester dar. Dieses Tageszentrum des Fonds Soziales Wien in der Esterhazygasse im sechsten Bezirk richtet sich ausschließlich an Frauen. Ein Team von Sozialarbeiterinnen berät die Betroffenen und leistet Hilfe bei der Suche nach Übernachtungs- und Wohnungsmöglichkeiten. "Mit dem Tageszentrum Ester schaffen wir einen Frauenraum im öffentlichen, immer noch männlich dominierten Raum", so Ester-Leiterin Gabriele Mechovsky. In diesem geschützten Bereich finden bis zu sechzig Wohnungslose täglich von 9 bis 17 Uhr (montags von 10 bis 14 Uhr) einen Rückzugsort. Nachweise müssen nicht erbracht werden: Betreut werden alle, die Hilfe suchen.