Wien. Um 1910 herum hat Wien schon einmal für einige Jahre die Zwei-Millionen-Einwohner-Marke erreicht. Es war die Zeit kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als die meisten neugeborenen Buben Franz, Josef, Johann und Karl hießen und die Mädchen Maria, Anna, Leopoldine oder Theresia genannt wurden. Damals war die Beleuchtung der Stadt ein großes Thema und die Frage, wie viele Feuerspritzen es gibt. Grundbesitzer galt in amtlichen Aufnahmebögen der Stadt noch als Beruf, Frau und Kind ebenso.

Die Errichtung der Hochquellwasserleitung in den Jahren 1873 bis 1880 hatte sauberes Wasser in die Stadt gebracht und durch die gestiegene Hygiene die Zahl der Sterbefälle deutlich gesenkt. Die Eingemeindung der Vororte südlich der Donau 1890 und jene Transdanubiens von 1905 ließ den Bevölkerungsstand noch einmal deutlich in die Höhe schnellen. Hinzu kamen die vielen Flüchtlinge zu Kriegsbeginn. Wien war damals als Hauptstadt der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn nach London und Paris die drittgrößte Stadt Europas. Ein Global-Player sozusagen.

Heute heißen die meisten Neugeborenen Emma, Mia und Sara oder David, Leon und Maximilian. Die Straßenbeleuchtung ist in Wien wieder ein Thema, aus Kostengründen werden Teile davon nun schon um eine Stunde früher gedimmt. Grundbesitzer ist kein Beruf mehr, Immobilienmogul allerdings schon. 1.840.226 Menschen leben derzeit in Wien. Bis 2030 wird die Stadt die Zwei-Millionen-Marke erneut sprengen, so Klemens Himpele, Leiter der MA23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien) bei der Präsentation des Statistischen Jahrbuchs 2016 am Donnerstag.

Allein im vergangenen Jahr hat sich die Einwohnerzahl Wiens um 43.000 Menschen erhöht. Himpele nennt drei Gründe für diese Entwicklung: die seit 2003 positive Geburtenbilanz, den Zuzug aus dem restlichen Österreich und die Migration. "Wir hatten trotz Babyboom Ende der 1950er und 1960er Jahre in der Vergangenheit immer deutlich mehr Sterbefälle als Geburten", sagt Himpele. "In den 1970er Jahren haben wir jährlich 12.000 bis 13.000 Menschen wegen der Sterblichkeit verloren." Hinzu komme der "Pillenknick" zur selben Zeit, der die Geburten pro Jahr von um die 20.000 in den 1960er Jahren auf unter 15.000 in den 1970er Jahren reduzierte.

1984 verzeichnete Wien mit 1,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den niedrigsten Bevölkerungsstand in der Zweiten Republik. Seit 2003 kommen jedoch wieder mehr Kinder auf die Welt, als es Todesfälle gibt. Das liegt zum einen daran, dass es immer mehr potenzielle Mütter gibt, die auch mehr potenzielle Mütter bekommen. Zum anderen lässt sich diese Entwicklung auf die gestiegene Lebenserwartung der Bevölkerung und die rückläufigen Todesfälle in schwächer besetzten Altersgruppen zurückzuführen. So sind 2015 insgesamt 19.931 Babys auf die Welt gekommen, gestorben sind 16.526 Menschen. "Das Leben der Menschen in Wien wird einerseits länger, andererseits kommen mehr Kinder auf die Welt. Die Stadt muss also gleichzeitig Altersheime und Kindergärten bauen", sagt Himpele.

Positiv auf den Bevölkerungsstand wirkt sich zudem aus, dass mehr Menschen aus Westösterreich nach Wien kommen, als junge Familien aus Wien ins Grüne nach Niederösterreich oder ins Burgenland abwandern.

Der dritte wesentliche Punkt, der für das starke Wachstum in Wien sorgt, ist die Migration. Diese sei im vergangenen Jahr besonders hoch gewesen, meint Himpele. "Auch wenn man sich die lange Reihe der Migrationsbewegung in Wien von 1780 an ansieht, sticht 2015 heraus." Im vergangenen Jahr sind 38.000 Menschen nach Österreich eingewandert. Hauptursache dafür war der Syrienkonflikt. Hohe Flüchtlingszahlen hat es aber auch schon 1991 gegeben: Zu Beginn des Jugoslawien Krieges sind knapp 24.000 Menschen nach Wien geflohen. Und auch 1809 erlebte die Stadt durch den Ausbruch des Österreichisch-Französischen Krieges eine Zuwanderungswelle.

Ähnlich wie vor etwas mehr als hundert Jahren steht Wien nun wieder vor den Herausforderungen des Wachstums - heute als siebentgrößte Stadt der EU.