"Hier fühlt man sich wertvoll", sagen die Kunden des VinziMarktes. - © VinziWerke
"Hier fühlt man sich wertvoll", sagen die Kunden des VinziMarktes. - © VinziWerke

Wien. Am Donnerstag ist es so weit: Der Vinzimarkt in der Hauffgasse in Simmering feiert sein fünfjähriges Bestehen. Das wird mit einem Tag der offenen Tür von 14 bis 18 Uhr groß gefeiert. Georg Stern, der Obmann der Vinzenzgemeinschaft Heilige Elisabeth, Pfarrer Wolfgang Pucher, der Gründer der Vinzenzgemeinschaft Graz-Eggenberg, und der Simmeringer Bezirkschef Paul Stadler (FPÖ) erwarten 70 bis 100 Gäste, die sich einen Einblick in den Alltag eines Sozialmarktes verschaffen wollen.

An diesem Nachmittag findet ausnahmsweise kein Verkauf statt. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt Nora Musenbichler, die Koordinatorin der Vinziwerke Österreich die Idee hinter dem Konzept: "Der Vinzimarkt ist kein Markt im klassischen Sinn, denn er hilft und wirkt auf mehreren Ebenen. Einerseits wird Lebensmitteln, die falsch verpackt oder etikettiert wurden, leicht beschädigt sind und von herkömmlichen Supermärkten nicht mehr verkauft werden, eine ‚zweite Chance‘ gegeben", sagt sie. Andererseits werde durch das günstige Bereitstellen dieser Lebensmittel bedürftigen Menschen das Einkaufen ermöglicht. Diese seien so nicht auf Almosen angewiesen und könnten in Würde einkaufen.

"Das ist ein wertvoller und wichtiger Bestandteil in jedem Alltagsleben, und den Vinziwerken ist es ein großes Anliegen, dass jeder Mann und jede Frau diese Alltäglichkeit erfahren kann", ergänzt Musenbichler. Einfach war der Weg bis heute aber nicht. Besonders stolz ist daher der Vater des Projekts, Pfarrer Wolfgang Pucher, als Initiator der Vinziwerke auf die bisherige Leistung. "Als wir vor Jahren nach Wien kamen, gab es in der ganzen Stadt keinen einzigen Sozialmarkt. Wir wussten, dass dahingehend etwas getan werden muss", erklärt er.

So sei nach dem Grazer Vorbild auch ein Vinzimarkt in Wien eröffnet worden. Die leider stetig steigende Anzahl an bedürftigen Kunden - es sind im Schnitt 400 Personen pro Tag - zeigt, dass der Bedarf groß ist. "Fünf Jahre Standort Hauffgasse ist ein guter Anlass, um wieder einmal auf die große Bedürftigkeit aufmerksam zu machen, und wir möchten uns sogleich auch bei all jenen bedanken, die uns mit Spenden unterstützen, um für die von Armut betroffenen Menschen bestmöglich da zu sein", sagt Pucher.

Wo man sich geborgen fühlt

Sein Motto lautet: "Er hat mich gesandt, den Armen eine frohe Botschaft zu bringen". Der Markt in Wien ist Teil der Vinziwerke, die 1990 gegründet wurden und mittlerweile 37 Einrichtungen umfassen, in denen täglich 450 Personen Unterkunft finden und 1300 mit Essen und Lebensmitteln versorgt werden.

Puchers "frohe Botschaft" in Form des Marktes kommt bei den Betroffenen selbst übrigens ausgezeichnet an. "Wir nennen ihn Simmerings Hort der Hoffnung. Es ist nicht nur ein Supermarkt, wo man billig einkauft, sondern man kann auch sein Herz ausschütten, wenn man ein Problem hat", sagt Franz J., der drei Mal pro Woche herkommt. "Wenn ich einmal keinen Lebenswillen mehr habe und alles nervt, dann weiß ich, dass es hier Freunde gibt, die eine Lösung parat haben und mich unterstützen", unterstreicht Franz J. Er findet die Idee mit dem Tag der offenen Tür gut. "Da sollen viele von denen da oben kommen und ihr eigenes Leben schätzen, vielleicht werfen sie Lebensmittel dann nicht mehr so fahrlässig weg", sagt er.

Eines wird bei einem Lokalaugenschein klar: Hier wird zugehört, geplaudert, informiert und nebenbei kann man Lebensmittel erwerben. Man spricht über das Wetter, den neuen US-Präsidenten und die Auswirkungen auf Österreich - und über die angebrochene Kälte. Immer steht aber die soziale Komponente im Vordergrund. "Haben Sie eine dicke Winterjacke, wenn es so eisig ist, oder soll ich Ihnen eine besorgen?", wurde ein Kunde gefragt. Diese Dinge machen Mut, geben Hoffnung und wärmen das Herz.

"Wissen Sie, viele arme Menschen wie ich haben niemanden, mit dem sie sprechen können. Hier kann man sprechen, es hört jemand zu und man fühlt sich geborgen", sagt Larissa S., die ebenfalls zu den Stammkunden zählt. Es sei eine Mischung aus Frisör, Supermarkt und Psychiater, nur wesentlich günstiger ergänzt sie. Nachsatz: "Hier fühlt man sich wertvoll." Die angesprochenen Zuhörer sind ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter der VinziWerke. Das System hinter dem Markt ist einfach: Es werden keinerlei Waren eingekauft, sondern kostenlos zur Verfügung gestellt. Die zum Verkauf angebotenen Produkte werden zu einem Maximalpreis von 30 Prozent des Normalwertes an die Bedürftigen weitergegeben.

Auf zahlreiche Spenden angewiesen

Zu den Waren gehören falsch verpackte oder etikettierte, leicht beschädigte oder sonstige Waren, die für den herkömmlichen Verkauf nicht geeignet sind, deren inhaltliche Qualität aber garantiert ist. Ebenso Waren kurz vor dem Ablaufdatum, die vorher mittels Stichproben auf ihre Genusstauglichkeit geprüft wurden. Abgelaufene Waren werden als solche gekennzeichnet. Hauptbestandteil des Sortiments sind u.a. Milchprodukte, Obst, Gemüse, sowie Fleisch- und Wurstwaren. Darüber hinaus sind diverse Pflege- und Reinigungsartikel erhältlich. Brot wird täglich von der Bäckerei "Mann" geliefert und bei einem Einkauf kostenlos an die Kunden ausgegeben.

Eventuelle Erträge sind zweckgebunden und werden zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit verwendet. Damit die Vinziwerke weiterhin helfen können, benötigen sie zahlreiche Spenden.