Wien. Es geschah an einem heißen Sommertag in Wien-Brigittenau. Am 5. Juli 2015 ging Herr A. gegen halb elf am Vormittag zum Bäcker. Ein Mann, der trotz der Hitze eine Jacke und lange Hose trug und ihn beobachtete, kam A. komisch vor. Als der Mann auf ihn zukam, lief A. weg. Der Mann verfolgte und schoss auf ihn. Im Zickzack laufend, bog A. in die Pasettistraße ein. Zwei Radfahrer kamen ihm entgegen.

Es geschah am ersten Sonntag der Schulferien in Wien-Brigittenau. Am 5. Juli 2015 wollte Herr Z. mit seinem damals 13-jährigen Sohn für einen Badeausflug zur Donauinsel radeln. In der Pasettistraße liefen ihnen zwei Männer entgegen, es fielen Schüsse.

Zwei Schüsse verfehlten den flüchtenden A., einer traf den 13-jährigen Burschen im Bauchbereich. "Ich habe ein Stechen gefühlt und bin vom Fahrrad abgestiegen. Dann bin ich zusammengesackt", schildert das junge Opfer am Mittwoch bei seiner gerichtlichen Zeugenaussage. Er überlebte die lebensgefährliche Verletzung. Sieben Tage verbrachte der Jugendliche auf der Intensiv-, drei auf der Normalstation. "Es war nichts Persönliches. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt er bei seinem selbstbewussten Auftritt vor Gericht.

Schuss aus nächster Nähe


Herr A. wurde bei der Verfolgung ebenfalls von einer Kugel im Gesäßbereich getroffen. Laut Schussexperten Ingo Wieser wurden die Schüsse aus nächster Nähe - etwa aus zwei Metern Entfernung - auf die beiden Opfer abgegeben.

Ein 37-jähriger Serbe soll laut Staatsanwaltschaft Wien der Schütze sein. Er wurde im Dezember in Mazedonien aufgrund eines Europäischen Haftbefehls festgenommen. Der 37-Jährige ist ein großer und kräftiger Mann mit kurzen Haaren. Die Staatsanwaltschaft legt ihm das Verbrechen des versuchten Mordes in zwei Fällen zur Last. Am Mittwoch hatte er sich deshalb vor einem Geschworenengericht des Straflandesgerichts Wien zu verantworten. Er zeigte sich nicht geständig im Sinne der Anklage.

Herrn A. kenne er seit Längerem aus Belgrad, gibt er an. "Gibt es Probleme zwischen Ihnen?", fragt der vorsitzende Richter, Andreas Böhm. "Ich habe keine Probleme mit ihm. Er aber vermutlich mit mir", antwortet der Angeklagte. Vor fünf Jahren habe er dem Bruder von A. ein Motorrad geborgt. Bei einem Unfall mit diesem Motorrad habe der Bruder ein Bein verloren. A. mache ihn - aus welchem Grund auch immer - für den Unfall verantwortlich.

Bei seiner Einvernahme gibt A. an, dass der Unfall wirklich passiert sei. Der Rest sei "Blödsinn", er mache den Angeklagten nicht dafür verantwortlich. Bei einer Suche nach dem Motiv für die Tat fallen verschiedenste Schlagworte: Von Geldschulden, einer Racheaktion von Kriminellen aus Serbien und einem Fanklub in Belgrad ist etwa die Rede.

In Belgrad ermordet


Der zuletzt in Serbien aufhältige Angeklagte gibt an, zum Tatzeitpunkt in Wien gewesen zu sein. Er habe 3000 Euro von einem Bekannten kassieren wollen. Dieser Bekannte habe sich wiederum sein Auto ausgeborgt und sei zu A. gefahren, um die 3000 Euro zu holen. Als er sich mit dem Bekannten wieder getroffen habe, sei plötzlich eine Pistole auf dem Beifahrersitz des Autos gelegen.

Der Bekannte habe ihm erzählt, dass es Probleme bei der Geldübergabe mit A. gegeben habe und ihn aufgefordert, die Waffe verschwinden zu lassen. Er sei, ohne das Geld zu bekommen und Fragen zu stellen, wieder nach Serbien gefahren und habe die Pistole aus dem Autofenster geworfen, so der Angeklagte. Als "völlig unglaubwürdig" bezeichnet Richter Böhm die Aussage des 37-Jährigen. Den Bekannten kann man zum Sachverhalt nicht mehr befragen - er wurde laut den serbischen Behörden im September 2015 in Belgrad ermordet.

Der einzige Zeuge, der den Angeklagten belastet, ist A. Herr Z. und sein Sohn konnten den Täter nicht identifizieren. "Ich bin überzeugt, dass er der Täter ist", sagt der mehrfach vorbestrafte A. über den Angeklagten. Bei seiner ersten Befragung hatte A. ihn nicht identifizieren können, danach gab er an, ihn zu 70 Prozent wiederzuerkennen. A. sei "mehr involviert, als er sagt", meint Verteidiger Michael Schnarch. Das Urteil soll heute, Donnerstag, fallen.