Wien. Das Gebäude der Bruno-Kreisky-Ganztagsvolksschule in Simmering ist lichtdurchflutet und freundlich, Kinderstimmen dringen aus den Klassen, überall finden sich Zeichnungen an den Wänden. Es gibt viel Platz zum Toben und Spielen.

Seit kurzem ist der Flexiraum fertig. Direktorin Sylvia Wiala war gleich an der Idee interessiert, von der ihr Sigrid Meixner, eine Lehrerin, erzählt hat: Ein Raum, in den Kinder, die den Unterricht stören, freiwillig gehen können und in dem sie eine geschulte Person vorfinden, mit der sie über den Grund ihres Störens sprechen können.

Die Wände des Flexiraums sind weiß, ein Teppich und eine Leseecke sorgen für Gemütlichkeit. Der Raum soll eine Bibliothek-Atmosphäre versprühen und dazu anregen, sich zu entspannen. "Kinder stören den Unterricht nicht bewusst. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie Zuwendung benötigen", sagt Meixner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Manchmal wissen sie genau, was sie brauchen und sagen: ‚Umarme mich, Frau Lehrerin‘." Manchmal könnten Kinder aber nicht artikulieren, wonach ihnen ist. Dann beginnen sie zum Beispiel unter den Tisch zu kriechen, dem Nachbarskind den Radiergummi wegzunehmen oder parallel zur Lehrerin zu reden und so den Unterricht zu stören.

"Irgendwas ist dann so drängend, dass die Kinder es nicht zurückhalten können", sagt Wiala. Diesem Verhalten müsse man Aufmerksamkeit entgegenbringen, weil man dadurch auf tieferliegende Dinge komme. "Wenn man den Moment aber verpasst, ist der Vorhang wieder zu."

Kinder dazu bewegen, über ihre Sorgen zu sprechen

Manchmal seien es kleine Eifersüchtelein, etwa weil der Freund oder die Freundin schönere Kleidung trage, die die Kinder sehr beschäftigen, erzählt Meixner. In den 4. Klassen gehe es oft schon ums Verliebtsein. Manchmal würden Kinder aber auch über Probleme zu Hause berichten, etwa dass sich die Eltern gerade getrennt hätten. Ist Gewalt oder Missbrauch im Spiel, wird das Jugendamt eingeschaltet. "Solche Dinge kommen nur ans Licht, wenn man sich für die Kinder Zeit nimmt", meint Wiala.

Im Flexiraum sollen Kinder nicht nur über ihre Probleme sprechen, sondern etwa auch vor einem "Reflektierspiegel" erkennen, wie sich ihre Gesichtszüge verändern, wenn sie freundlich oder verärgert sind. An den Wänden hängen folierte Blätter, die die Kinder für "Ich-Botschaften" und Anschuldigungen sensibilisieren sollen.

Die Lehrerinnen haben den Kindern den Flexiraum anhand eines Rollenspiels vorgestellt. Wenn ein Kind den Unterricht stört, fragt die Lehrerin zuerst: "Was tust du? Dann: "Welche Abmachung solltest du einhalten?" (Etwa: "Ich bin nett zu meinen Mitschülerinnen und Mitschülern.") Und schließlich: "Du kannst die Abmachung einhalten und in der Klasse bleiben oder in den Flexiraum gehen und darüber reden, warum du störst. Es ist deine Entscheidung." Die Lehrerinnen wollen damit die Eigenverantwortung der Kinder fördern. Stört das Kind erneut, hat es keine Wahl mehr und wird auf jeden Fall in den Flexiraum geschickt. Dort erarbeitet eine Lehrerin, die gerade Bereitschaft hat und von eingeteilten "Botenkindern" in den Flexiraum geholt wird, eine Vereinbarung mit dem Kind. Etwa: "Ich nehme meinem Nachbarn den Radiergummi nicht mehr weg." Oder: "Wenn ich nicht mehr sitzen kann, gehe ich in die Leseecke und beschäftige mich dort still."

Die Idee einen Flexiraum zu etablieren, hatte Meixner nach der Lektüre des Buches "Die Trainingsraummethode" der deutschen Psychotherapeutin und Klinischen Psychologin Heidrun Bründel. Darin wird erläutert, wie die Methode zur Einstellungs- und Verhaltensänderung bei Schülerinnen und Schülern führen soll, dabei aber nicht als Sanktionsinstrument missverstanden werden will. Mithilfe der Unterstützung des Elternvereins wurde Bründel für einen Workshop in die Bruno-Kreisky-Schule eingeladen. In Deutschland kommt das Konzept bereits häufiger zum Einsatz, dessen Maxime lautet: "Kinder haben ein Recht auf störungsfreien Unterricht. Lehrerinnen haben ein Recht auf störungsfreien Unterricht. Und Kinder, die stören, haben ein Recht auf Aufmerksamkeit."

"Schnell in der militanten Ecke"

"Es ist nicht leicht, in dieser Zeit von Rechten und Pflichten zu sprechen", sagt die Direktorin. Man komme da schnell in eine militante Ecke, aber Klarheit gebe Kindern eben Sicherheit und Orientierung. "Oft ist den Eltern gar nicht bewusst, was ihre Aufgaben sind." Daher passiere immer mehr Erziehungsarbeit in der Schule, so Wiala. "Es liegt dann bei den Lehrerinnen, den Kindern zu vermitteln, dass ihre Freiheit dort aufhört, wo sie die Freiheit anderer einschränken."