Unmittelbar nach dem Vorfall auf der Damentoilette am Praterstern wurden immer wieder die ÖBB- Security-Männer von einigen Frauen gebeten, doch einen Blick in die Kabinen zu werfen, bevor sie die Toiletten benutzen. - © Nathan Spasic
Unmittelbar nach dem Vorfall auf der Damentoilette am Praterstern wurden immer wieder die ÖBB- Security-Männer von einigen Frauen gebeten, doch einen Blick in die Kabinen zu werfen, bevor sie die Toiletten benutzen. - © Nathan Spasic

Wien. Eine Frau ist an diesem Dienstagvormittag im Verhandlungssaal 106 in der Landesgerichtsstraße 11 im Wiener Straflandesgericht sehr präsent, obwohl sie körperlich nicht anwesend ist. Es ist jene Studentin aus der Türkei, die am 22. April von drei jungen Männern auf einer Damentoilette am Praterstern vergewaltigt worden sein soll. "Manchmal gibt es Momente, wo ich gar nicht spüre, dass ich noch lebe", schreibt sie in einem Brief, den ihre Vertreterin, Sonja Aziz, im Gerichtssaal vorliest. Betroffen hören ihr die knapp 40 Anwesenden zu. "Drei Monate konnte ich nicht in den Spiegel schauen. Ich fühle mich wie Restmüll. Ich erinnere mich an die Blicke dieser Männer", heißt es in dem Brief.

Die Männer, von denen sie spricht, sitzen auf der Anklagebank. Es sind drei junge Asylwerber aus Afghanistan, 16, 17 und 18 Jahre alt. Regungslos hören die Jugendlichen der Übersetzerin zu, die ihnen den Brief in ihre Muttersprache dolmetscht. Sie schauen zu Boden, fast so, als würden sie sich nicht trauen, Augenkontakt zu ihr herzustellen.

Wochenlang beherrschte der Vorfall die heimischen Medien. Die "Vergewaltigung vom Praterstern" schien Wiens Äquivalent zur Silvesternacht von Köln zu sein. Damals wurden zahlreiche Frauen bestohlen und sexuell belästigt. Die Täter waren Männer, die vorwiegend aus nordafrikanischen Ländern stammten.

Rasch entfachte die Silvesternacht von Köln kulturpolitische Debatten rund um Rollenbilder, Flüchtlinge, Werte und nicht zuletzt Polizei und Medien, welche die Herkunft der Täter anfangs verschwiegen haben sollen.

Auch in Wien wurde unmittelbar nach dem 22. April eine vergleichbare Geräuschkulisse aufgebaut, inklusive politischem Kleingeld, das daraus geschlagen werden konnte - man bedenke, der Vorfall ereignete sich knapp einen Monat vor dem zweiten Präsidentschaftswahlgang im Mai. Doch diese Geräuschkulisse hat an diesem Dienstagvormittag keinen Platz im Verhandlungssaal 106, in dem sich ein Schöffensenat des Straflandesgerichts Wien unter dem Vorsitz von Norbert Gerstberger eingefunden hat.

"Was machst du auch dort in der Nacht?"

"Es ist nicht absehbar, wann und ob es ihr besser gehen wird", sagt Vertreterin Aziz über ihre Mandantin. Ihr Brief ermöglicht einen ungewohnten, intimen Einblick in die Gefühlswelt eines Opfers eines Sexualdelikts, das in der Regel bei solchen Fällen nicht in diesem Ausmaß Gehör findet. "Ich zweifle an mir, an meinem Blick auf die Welt. Ich verspüre noch immer Ekel. Mein Körper ist mir fremd", schreibt die 21-Jährige.