Wien. Wer in der stark befahrenen Margaretenstraße steht oder sich auf schmalen Gehsteigen an beidseitig parkenden Autoreihen vorbei durch die Preßgasse, die Mühlgasse oder die Schikanedergasse zwängt, ahnt kaum, dass im Inneren des von diesen Straßen umschlossenen Häuserblocks im dicht bebauten 4. Bezirk eine wahre Grünoase liegt.

Noch ungewöhnlicher ist es, dass dieser Park weder den Anwohnern vorbehalten ist noch von der Stadt als öffentliche Grünfläche bereitgestellt wird: Er wird seit 1977 vom sogenannten Gartenhofverein erhalten - und steht untertags jedem offen, der einen der beiden nüchternen Durchgänge von der Margaretenstraße oder Preßgasse aus passiert.

Im Gartenhof angekommen, staunt man über die Lebendigkeit und gleichzeitige Ruhe in den unterschiedlich bepflanzten Teilräumen des Parks: Kinder aller Altersgruppen laufen von einem Spielplatz zum anderen und planschen im Sommer im Wasser des Brunnens. Eltern sitzen in Gruppen beisammen und brauchen sich kaum um ihre Kleinen zu kümmern, zumal hier weder Autos noch Hunde eine Gefahr darstellen. Und während Studenten auf der Wiese liegend lernen, genießen Pensionisten auf windgeschützten Bänken die Natur.

Dass es sich bei diesem Park um ein Stück Wiener Stadterneuerungsgeschichte handelt, bleibt einem aufs Erste verborgen. Nur wer sich öfter hier sehen lässt, wird irgendwann von einer freundlichen älteren Frau mit einem Zahlschein in der Hand gefragt, ob man nicht Mitglied des Gartenhofvereins werden und einen kleinen Beitrag zur Erhaltung der Grünoase leisten möchte.

5000 Quadratmeter Freiraum


Kommt man dabei mit Maria Mahn ausführlicher ins Gespräch, erfährt man, dass sie 18 Jahre lang die Obfrau des Vereins - und vor 40 Jahren eine von rund 50 Mieterinnen und Mietern des Blocks war, die sich zur Gestaltung des gemeinsamen Innenhofs zusammengefunden hatten. Mit freiwilligen Arbeitseinsätzen sorgten sie für die Rodung und Säuberung der bis dahin verwahrlosten und den einzelnen Häusern zugeordneten Hofbereiche - und begannen, den 5000 Quadratmeter großen Freiraum mit vom Stadtgartenamt bereitgestelltem Material zu begrünen.

Derweil lief auch die Sanierung der bereits zum Abbruch bestimmten Wohnhäuser durch die Stadt Wien an: "Ich bin 1967 in die Mühlgasse gezogen und hatte da Zimmer, Küche, Kabinett - ohne Bad und mit Klo am Gang", erinnert sich Frau Mahn. "Nach der Sanierung hatte ich eine Kategorie-A-Wohnung mit Badezimmer, Heizung und allem Drum und Dran. Und statt Holzplanken und ein paar Mistkübeln hatte ich jetzt einen Park vor meinem Hoffenster."

Dass es so weit kam, war keine Selbstverständlichkeit, sondern ein absolutes Novum in der Wiener Stadtentwicklung - ein Wendepunkt in der kommunalen Wohnbau- und Planungspolitik: sozusagen das erste "bottom-up"-Projekt, veranlasst nicht vom Rathaus, sondern von Bürgerinnen und Bürgern aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft.

Am Beginn standen drei Fernsehjournalisten des Österreichischen Rundfunks: Helmut Voitl, Elisabeth Guggenberger und Peter Pirker. Sie wollten anhand eines konkreten Baublocks den damals dramatischen Verfall der historischen Bausubstanz Wiens thematisieren und wählten dafür den maroden Block an der Margaretenstraße, unweit des Naschmarkts, als sogenanntes Planquadrat aus: Etwa ein Drittel der Häuser war - nicht untypisch für die Gegend Anfang der 70er Jahre - vom Abriss bedroht. Die Stadt Wien hatte bereits die meisten davon aufgekauft und wollte zusätzlich zur geplanten Neubebauung auch noch eine Verdichtung im Blockinneren vornehmen, als der ORF 1974 in einem halbleer stehenden Gebäude ein eigenes Fernsehstudio einrichtete, um fortan regelmäßig aus dem Planquadrat zu berichten. Durch ihre ständige Anwesenheit vor Ort gelang es den Redakteuren, mit den zunächst skeptischen Mietern in Kontakt zu kommen und bald auch ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Beinahe gleichzeitig versuchte eine Gruppe von Architekturstudenten im Rahmen eines Planspiels im Planquadrat, die Potenziale der gründerzeitlichen Bebauung herauszuarbeiten und in Gesprächen mit den Bewohnern Umgestaltungsmöglichkeiten zu eruieren. Bald gesellte sich ein Team von freien Architekten um Hugo Potyka und Willy Kainrath hinzu, das sich ebenfalls ein Büro im Planquadrat schuf.

Die Planer demonstrierten in einem der Leerstände mittels einer sanierten Musterwohnung, welche Wohnqualität im Altbau mit leistbarem Aufwand erzielbar ist - und konnten hunderte Wiener für einen Besuch ihres Prototyps interessieren.

Im Laufe der Zeit wurde aus dem Engagement der unterschiedlichen Akteure ein mustergültiger Bewusstseinsbildungs- und Beteiligungsprozess - mit wöchentlichen Mieterversammlungen und gemeinsamen Festen, mit partizipativer Planung, Vermittlung zwischen Hauseigentümern, Bewohnern und Beamten, öffentlichen Ausstellungen und politischem Lobbying. Allein in den Jahren 1974 und 1975 berichtete der ORF 16 Mal über das Projekt, und zwar zur besten Sendezeit: von Beiträgen in Nachrichtensendungen bis hin zu Diskussionsrunden, moderiert vom damaligen Fernsehprogrammdirektor und späteren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk.