Auf dieser Damentoilette am Praterstern wurde vor einem Jahr eine Studentin vergewaltigt. In den Medien wurde der Tathergang detailliert geschildert. - © Nathan Spasic
Auf dieser Damentoilette am Praterstern wurde vor einem Jahr eine Studentin vergewaltigt. In den Medien wurde der Tathergang detailliert geschildert. - © Nathan Spasic

Wien. "Vergewaltigung" prangt auf dem Titelblatt der Zeitung. Eine ganze Seite widmet sie dem Thema. Die Tat wird detailgetreu beschrieben. Als wäre der Journalist dabei gewesen - als der Mann der Frau auflauerte, als er sie zu Boden drückte, als sie panisch um sich schlug, als er sie vergewaltigte und blutend in einem Gebüsch liegen ließ. Die Schilderung bringt die ganze Brutalität des Verbrechens zum Ausdruck. Illustriert durch ein verpixeltes Foto des Täters, läuft sie im Kopf immer wieder ab. Wie in einem Horrorfilm ist das Narrativ der Geschichte eindeutig: Ein gewalttätiges Monster zerstört in einem triebgesteuerten Akt das Leben einer unbefleckten Frau.

Die Medien strotzen vor Meldungen wie dieser. In immer kürzeren Frequenzen malen sie ein apokalyptisches Bild. Von unsicheren Straßen, von steigenden Vergewaltigungsraten, von monströsen - meist ausländischen - Männern, die vor gar nichts zurückschrecken. Aus voller Kehle schreien sie nach mehr Polizeipräsenz, Videoüberwachung, strengeren Asylgesetzen. Kaum ein Thema emotionalisiert mehr. Kaum eine Story bringt mehr Klicks.

Veraltete Geschlechterbilder


"Die mediale Darstellung von Vergewaltigungen ist auf vielen Ebenen fragwürdig", sagt Mithu Sanyal. Die Kulturwissenschafterin hat mit dem Buch "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" eine Kulturgeschichte der Straftat vorgelegt. "Wie Zeitungen über Vergewaltigungen berichten, zeigt ausgezeichnet, welche Vorstellungen wir über Geschlechterrollen haben", sagt Sanyal.

"Die Gesellschaft erwartet, dass vergewaltigte Frauen leiden", sagt Mithu Sanyal. - © Animagus
"Die Gesellschaft erwartet, dass vergewaltigte Frauen leiden", sagt Mithu Sanyal. - © Animagus

"Sobald wir über sexualisierte Gewalt sprechen, wirken jahrtausendealte Bilder über Männlichkeit und Weiblichkeit weiter." So würde die Frau ausschließlich als wehrloses Opfer gezeichnet werden. "Frauen, die vergewaltigt wurden, müssen traumatisiert sein", sagt Sanyal. "Das wird von der Gesellschaft erwartet. Sie müssen leiden, am besten für den Rest ihres Lebens. Wenn sie das nicht tun, stehen sie unter Verdacht, die Vergewaltigung bewusst provoziert, ja gar genossen, zu haben. Dann greift das Hurenstigma."

Ambivalenz könne man beim Thema Vergewaltigung kaum ertragen. Die Frau müsse entweder Heilige oder Hure sein. Dazwischen hat nichts Platz. "Bis in die 1970er Jahre wurde in Vergewaltigungsprozessen auch die sexuelle Vergangenheit der Frau beleuchtet. Hatte sie viele Sexualpartner, verlief die Verhandlung anders."