Wien/Brüssel. Die Bundesregierung rechnet sich gute Chancen aus, die Europäische Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency) nach dem Brexit von London nach Wien zu holen. Bundeskanzler Christian Kern und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner haben am Donnerstag Österreichs Kandidatur und Konzept für die Ansiedlung der EMA präsentiert.

Mit dem bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU ist eine Verlegung des Amtssitzes der in London angesiedelten EU-Agentur notwendig. "Wir sind an der Europäischen Arzneimittelagentur interessiert und bieten eine exzellente Infrastruktur", betonte Kern. Österreich eigne sich wegen seiner Drehscheibenfunktion inmitten Europas, der guten Infrastruktur und der starken Life-Science- und Pharmaindustrie besonders gut als Standort für die Europäische Arzneimittelagentur, erklärte Mitterlehner. Dazu kämen internationale Kindergärten und Schulen sowie die hohe Lebensqualität in der Hauptstadt.

Sowohl Bundeskanzler als auch Vizekanzler betonten Österreichs Rolle als Forschungsstandort und wiesen etwa auf die Forschungsprämie hin, die von der Regierung demnächst von 12 auf 14 Prozent erhöht werden soll. Diese ziehe schon jetzt zahlreiche internationale Pharmakonzerne an.

26.450 Quadratmeter mit guter U-Bahn-Anbindung gesucht


Als mögliche EMA-Standorte werden unter anderen das Haus des Wiener Bankvereins in der Schottengasse, das Gebäude der Postsparkasse am Georg-Coch-Platz oder das Büroprojekt Square Plus in der Muthgasse gehandelt. Aber auch das Quartier Belvedere Central, der Austria Campus in der Leopoldstadt und das geplante Holzhochhaus in der Seestadt Aspern sind im Gespräch. "Wir haben ungefähr zehn Locations in Wien, die prädestiniert sind", so Mitterlehner.

Der neue EMA-Standort muss 26.450 Quadratmeter moderner Büroräumlichkeiten aufweisen, durch eine U-Bahn sehr gut öffentlich angebunden sein, Hotelinfrastruktur in Gehdistanz aufweisen und über eine schnelle Verbindung zum Flughafen verfügen. Außerdem darf der Termin der Fertigstellung nicht nach 2019 liegen. "Der Standort Wien bietet ideale Voraussetzungen für eine Ansiedlung der EMA. Ich werde mich auf allen Ebenen weiterhin dafür stark machen, dass Österreich die neue Heimat der EMA wird", versprach auch Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner.

Die Entscheidung über einen neuen Standort der Agentur wird einvernehmlich auf Ebene der Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten getroffen und soll noch heuer fallen. Um die 20 EU-Länder haben sich für den Sitz der EMA beworben. Österreich zählt dabei neben drei bis vier weiteren Ländern zum engeren Favoritenkreis für den neuen Standort.

Bewerbung um Sitz der Europäischen Bankenaufsicht


Neben der EMA hat sich Österreich auch um den Sitz der EBA, der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde beworben, der Schwerpunkt der Bemühungen der Bundesregierung liegt aber klar auf der Arzneimittelagentur. Schon länger versucht die Stadt Wien mit der eigens kreierten Homepage emazingvienna.at, die EMA-Mitarbeiter anzusprechen und für Wien zu begeistern. Denn aufgrund ihrer hohen Qualifikation sollen möglichst viele an den neuen Standort mitübersiedeln.

Die 1995 gegründete EMA ist mit rund 900 Mitarbeitern die zweitgrößte EU-Agentur und verfügt über ein Jahresbudget von mehr als 300 Millionen Euro. Ihre Aufgabe ist es, die öffentliche Gesundheit sowie die Tiergesundheit durch die Bewertung und Überwachung von Human- und Tierarzneimitteln zu schützen und zu stärken. Die Arzneimittel, die durch die EMA zur Marktzulassung empfohlen werden, umfassen 27 Prozent des weltweiten pharmazeutischen Marktes.

Eine Ansiedlung der EMA in Wien hätte jedenfalls positive Auswirkungen auf den Wirtschafts- und Forschungsstandort Österreich. Mit mehr als 30.000 Hotelübernachtungen pro Jahr, einer intensiven Reisetätigkeit und zahlreichen Konferenzen würden auch noch andere Wirtschaftssektoren von der Ansiedlung in Wien profitieren. "Wir sehen die Chance, aus dem Brexit etwas für Österreich Positives zu erreichen. Die Effekte werden wohl kaum unter einer Milliarde bleiben", so Kanzler Kern. Er erwartet im Falle eines Zuschlags nennenswerte Auswirkungen auf Österreichs Bruttoinlandsprodukt.