Wien. In einem lesenswerten Bericht über die USA unter Präsident Donald Trump versuchte die "Süddeutsche Zeitung" vor kurzem eine Erklärung, warum so viele Menschen wider die Vernunft und gegen ihre eigenen Interessen stimmen oder wählen gehen: Vieles - so die These - würde nicht mehr als Sachthema, sondern als Wertefrage behandelt. Und Wertefragen, hieß es weiter, erforderten keine Antwort, sondern ein Bekenntnis.

Zu so einer Wertefrage verkommt hierzulande die Mobilität. In einer schnelllebigen Zeit werden hurtig Worte gemeldet und Meinungen vertreten, Organisationen positionieren und Lokalpolitiker profilieren sich. Unternehmer hoffen auf prächtige Profite. Aber eine profunde Auseinandersetzung mit Mobilität - immerhin ein Bereich, der Zukunftsfragen wie Klimaschutz, Lebensqualität, ökologische wie ökonomische Entwicklung bestimmt - kommt in der öffentlichen Debatte zu kurz.

In der "Wiener Zeitung"-Serie über den Schnellstraßenausbau im Nordosten Wiens bemühen wir uns demgegenüber, die Fakten und Entscheidungsgrundlagen zusammenzutragen. Das alles jenseits der Bekenntnisse. Auf der Suche nach Antworten.

Diesmal nähern wir uns der Frage, wie es um die vielbeschworene Verkehrsentlastung durch die geplante Errichtung der S 1 Wiener Außenring Schnellstraße zwischen Schwechat und Süßenbrunn samt Lobautunnel und Stadtautobahn steht.

Das sagt die Asfinag

In der Verkehrsuntersuchung der Autobahn- und Schnellstraßenfinanzierungsgesellschaft (Asfinag) im Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren aus dem Jahr 2009 werden die Zielsetzungen des Projekts formuliert:

"Bündelung und Verteilung des Verkehrs im Ballungsraum Wien". "Entlastung des bestehenden Straßennetzes in Wien/NÖ"

"Entlastung des lokalen Straßennetzes". Genannt werden die Ortsdurchfahrten Raasdorf, Groß-Enzersdorf, Essling und Aspern.

Verblüffend dabei: Schaut man sich die Zahlen in dem Papier genauer an, ist keine Entlastung zu finden. Zwar deuten die Prognosen bei einigen stark vom Durchzugs- und Schwerverkehr betroffene Straßenzügen, am ehesten noch bei der Breitenleer Straße, vorübergehend auf eine Reduktion des Verkehrs hin. Aber für die Mehrzahl der Straßen zeigt sich spätestens bis zum Jahr 2035 entweder die selbe Belastung oder sogar ein Anstieg.

Die Asfinag selbst macht auch gar kein Hehl aus den Effekten der Straßenbauten: "Der Ausbau des höchstrangigen Straßennetzes in der Ostregion bewirkt eine starke Verbesserung der Erreichbarkeiten im MIV (motorisierten Individualverkehr, Anm.)", heißt es in der Untersuchung. "Es findet eine stärkere Entwicklung statt, die zu einem erheblichen Teil auf dem MIV als vorrangigem Verkehrsmittel basiert."

Das sagt die UVP

Am 26. März 2015 erließ das Verkehrsministerium im UVP-Verfahren einen positiven Bescheid für die Lobau-Schnellstraße. Derzeit liegt der Bescheid nach diversen Einsprüchen beim Bundesverwaltungsgericht. Auf 339 Seiten legt das Ministerium die Gründe seiner Entscheidung dar und geht auch auf die Frage der Verkehrsentlastung ein: "Die S 1 Wiener Außenring Schnellstraße, Abschnitt Schwechat - Süßenbrunn, hat eine die Erreichbarkeit verbessernde, den Straßenverkehr auf dem übergeordneten Straßennetz bündelnde und das untergeordnete Straßennetz entlastende Wirkung." Allerdings würde infolge der verbesserten Erreichbarkeit zusätzlicher Kfz-Verkehr entstehen und "auf den Zu- und Abgangsstrecken zur und von der S 1 Mehrbelastungen auftreten".

Der Bau der S1 allein, heißt es weiter, werde vermutlich nicht ausreichen, um Entlastungeffekte zu sichern. Erforderlich seien ein "Monitoring zur Beweissicherung der Verkehrsnachfrage" sowie verkehrsberuhigende Maßnahmen. Abschließend: "Der Ausbau der S 1 hat auch eine Kfz-verkehrsinduzierende Wirkung. Das heißt, durch die Verbesserung der Verkehrsverbindung vor allem im regionalen Verkehr wird Kfz-Verkehr als Zeichen einer erwünschten Wirtschaftsbelebung "induziert", was natürlich auch zu einer Zunahme der negativen Auswirkungen durch den Kfz-Verkehr wie Lärm, Abgase und Verkehrsunfälle führt."

Das sagt der VCÖ

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) weist auf die Schwäche der Verkehrsprognosen hin, die es schwierig machen Entlastungspotenziale zuverlässig einzuschätzen. Zu wenig würden aktuelle Entwicklungen und Steuerungsmöglichkeiten wie etwa computerunterstütztes autonomes Fahren oder Parkraumbewirtschaftung in den Planungen mitberücksichtigt. Generell sei es schwierig, das künftige Verkehrsaufkommen zu berechnen. So habe beispielsweise der Masterplan Verkehr der Stadt Wien des Jahres 2003 für das Jahr 2006 einen Pkw-Bestand von "bis 700.000" erwartet. Ein Wert, der sogar zehn Jahre später - trotz viel stärkeren Bevölkerungswachstums - nicht erreicht wurde. Ende 2016 waren in Wien 692.847 Pkw gemeldet.

Umgekehrt würde das Ausmaß des induzierten, also des neu geschaffenen Verkehrs, bei der Planung regelmäßig unterschätzt. Dabei seien sich Studien in diesem Punkt einig, sagt VCÖ-Verkehrsexperte Markus Gansterer: "Ein zusätzliches Angebot an Straßen bewirkt insgesamt ein Ansteigen der Verkehrsmenge und verhindert, dass die Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen."