Wien. Anlegen, Zielen, Klick. Ein Foto ist im Grunde schnell gemacht. Vor allem in Zeiten von Selfies und hochauflösenden Handykameras wird das eigene Bildnis als Akt von wenigen Sekunden gesehen - selbst wenn die Aufnahme erst nach dem 17. Versuch gefällt.

Dass Porträts aber auch ein Kunsthandwerk sind, damit können sich Praterbesucher seit Anfang September auseinandersetzen - oder auch "auseinandersitzen". Denn die Ausstellung "Menschenbilder" zeigt dort auf 58 Bildbänken eindrucksvolle Porträts der Wiener Berufsfotografen.

Das Konzept der Ausstellung als Open-Air-Vernissage wurde vom Grazer Fotografen Christian Jungwirth im Jahr 2012 entwickelt und seitdem jährlich abgehalten. Auch eine oberösterreichische Variante tourte zuletzt durch fünf Städte, darunter Linz und Gmunden, nächstes Jahr ist Vorarlberg dran.

"Ich habe schon länger daran gedacht, die Ausstellung auch nach Wien zu holen", erklärt Ulrich Schnarr, Innungsmeister der Wiener Berufsfotografen, der "Wiener Zeitung" während einer Ausstellungsbegehung im Prater. Eine Art Leistungsschau, um den Wienern die Berufsfotografie näherzubringen. "Wir wollten zeigen, was Berufsfotografen können und wodurch sie sich von Amateuren unterscheiden", betont er.

Bei der Konzeption für Wien wurde bewusst nach einem Ausstellungsort gesucht, "der sich im öffentlichen Raum befindet und wo der Wiener ist, nicht der Tourist oder der Kunstbegeisterte", betont Schnarr. Wichtig war es, ein breites Publikum zu erreichen. Nicht zuletzt aufgrund dessen setzte sich der Prater unter anderem gegen das Museumsquartier als Vernissageort durch. "Die Bänke laden aber auch zum Verweilen ein", meint er und beschreibt sie als einen Ort des Verweilens, Herunterfahrens und der Muße.

1500 Einreichungen

Von den rund 2300 Wiener Berufsfotografen haben 157 insgesamt beinahe 1500 Bilder eingereicht, von denen schließlich 58 vom steirischen Atelier Jungwirth ausgewählt wurden. Zwei der Plätze wurden Lehrlingen und Auszubildenden zugesichert, um sie zu fördern. Die Themenvorgabe wurde laut Schnarr bewusst offen gehalten. Jedes Bild, auf dem Menschen zu sehen waren, konnte eingereicht werden.

"Wer Menschen gut fotografieren will, muss die Menschen auch lieben. Ein Misanthrop kann keine guten Porträts machen. Es muss ein Spannungsverhältnis zum Porträtierten geschaffen werden, damit mehr als das bloße technische Antlitz eingefangen wird", erklärt Schnarr und deutet auf das Bild "5 Generationen" der Fotografin Suzy Stöckl. Es zeigt fünf Frauen, vom Greisenalter bis hin zum Baby.

"Das Bild zeigt nicht nur die Personen, sondern sagt viel über sie aus. Bilder können einen berühren, wo der Fotograf mehr vom Model sieht als nur Licht und Schatten", sagt Schnarr. Die Porträts zeigen Körperausschnitte, Berufsgruppen, menschliche Archetypen. Beispielsweise ein Hotelzimmermädchen, das von Rositsa Kamenova-Nedyalkova beim Bettenüberziehen abgelichtet wurde, oder vier Männer im Wiener "American Fifties" von Stefan Liewehr.

Auch zahlreiche Prominente sind auf den Bildbänken vertreten. Neben einem Doppelporträt des Schauspielers Karl Merkatz von Christian Hofer oder der Schriftstellerin Elfriede Jelinek von Heribert Corn hat Markus Bacher Altbundespräsident Heinz Fischer mit einem Ebenbild in Marionettenform fotografiert. Ein kaleidoskopartiges Porträt von Finanzminister Hans-Jörg Schelling, das Michael Bruckberger kreiert hat, ist ebenso zu sehen wie ein Falco-Porträt des Fotografen Curt Themessl.

Männerakt mit Staubwedel

Auch ein Werk von Renate Medwed ist im Prater vertreten. Die Fotografin ist seit zehn Jahren im Geschäft. Sie hat sich auf Männerakte spezialisiert und damit quasi eine Marktlücke besetzt. "Ich habe mich unter anderem dafür entschieden, weil es sonst kaum einer tut", erklärt sie. Diese spezielle Motivwahl sei außerdem "der beste Smalltalkstart, den man sich vorstellen kann", fügt sie scherzhaft hinzu.

Ihre Arbeit "male limits", die eine der 58 Bildbänke ziert, taugt dazu allemal. Zu sehen ist der durchtrainierte nackte Oberkörper eines Mannes, positioniert hinter einer alten Holztür, aus der das Mittelsegment ausgeschlagen ist. So wird das Gesicht des Models verdeckt. Für die Leistengegend hatte es aber nicht mehr gereicht, weswegen am Shootingort, einem Dachboden, improvisiert werden musste. Im Endeffekt hielt sich das Model einen gefiederten Staubwedel vor den Schritt, da ihr der verdeckte Akt sehr wichtig war, erinnert sich Medwed.

Die meisten Fotos und Akte sind für Medwed freie Arbeiten, die sie neben dem Tagesgeschäft, das vor allem aus Businessporträts besteht, anfertigt. "Die Aktaufnahmen sind vor allem dafür da, die Kreativität am Leben zu halten und mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Das ist für jeden Fotografen wichtig", erklärt sie. Auch das Porträt eines Firmenchefs brauche Einfühlungsvermögen, diene aber vor allem einem Zweck, fügt sie an. "Jeder Fotograf arbeitet eigentlich dahin, seinen Stil so weit zu entwickeln, dass man ihn sofort anhand seiner Werke erkennt", ist Renate Medwed, die diesen Schritt für sich selbst schon erreicht hat, überzeugt.