Wien. Es gibt rechtliche Entscheidungen im Judentum, die nur von einem Rabbinatsgericht - einem Beth Din - getroffen werden können: Dazu gehören Scheidungen von jüdischen Ehepaaren, die nicht nur standesamtlich, sondern auch religiös geheiratet haben, Übertritte zum Judentum sowie die Anerkennung als Jude oder Jüdin nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz (Überprüfung der jüdischen Identität, sofern der Fall so komplex ist, dass er nicht von einem Rabbiner alleine bearbeitet werden kann).

Und dann gibt es Streitigkeiten, etwa wirtschaftlicher Art zwischen Geschäftspartnern oder in Familien wegen Erbschaftsangelegenheiten, in denen das Beth Din als Schiedsgericht fungieren kann. In großen jüdischen Gemeinden wie in London, Paris oder New York gibt es ein ständiges Rabbinatsgericht, das angerufen werden kann. In Wien war dies bis zum Holocaust ebenfalls so. Diesen Herbst wurde nun wieder ein zentraler Beth Din gegründet: Er trägt den Titel "Rabbinatsgericht von Österreich".

Dem nun ständig in Wien angesiedelten Rabbinatsgericht gehören die vier Rabbiner Arie Folger, Yaakov Hotoveli, Itzhak Niazov und Josef Pardess an. Je nach Verfügbarkeit und thematischem Schwerpunkt bilden jeweils drei von ihnen entweder unter dem Vorsitz von Rabbiner Hotoveli oder unter dem Vorsitz von Rabbiner Pardess einen Beth Din.

Einer von vier Rabbinern des Rabbinatsgerichts ist Arie Folger (l.). Als Generalsekretär des Gerichts fungiert Schlomo Hofmeister (r.), der auch für den Europäischen Beth Din zuständig ist. - © Stanislav Jenis
Einer von vier Rabbinern des Rabbinatsgerichts ist Arie Folger (l.). Als Generalsekretär des Gerichts fungiert Schlomo Hofmeister (r.), der auch für den Europäischen Beth Din zuständig ist. - © Stanislav Jenis

Den Gesamtvorsitz hat Rabbiner Hotoveli inne (er ist der Av Beth Din). Als Generalsekretär des Rabbinatsgerichts fungiert Rabbiner Schlomo Hofmeister. Er ist zudem weiterhin der Verbindungsrabbiner zum Europäischen Beth Din, den es seit den 1990er Jahren gibt und der geschaffen wurde, um auch kleineren europäischen jüdischen Gemeinden das Anrufen eines Rabbinatsgerichts zu ermöglichen. In den vergangenen Jahren war Wien Tagungsort - hier reisten Rabbiner aus dem europäischen Ausland an, um Recht zu sprechen. Dennoch mussten Paare, die sich scheiden lassen wollten, lange auf einen Termin warten, erklärt Wiens Oberrabbiner Folger.

21 Synagogen in Wien


Die Wiener jüdische Gemeinde ist zwar mit rund 8000 Mitgliedern eine kleine europäische Community. "Wir haben aber eine ungeheure Infrastruktur: Es gibt 21 Synagogen und Betstuben, vier koschere Supermärkte, einige koschere Restaurants, mehrere jüdische Schulen und Kindergärten und daher ist das jüdische Leben auch sehr aktiv", so Gemeinderabbiner Hofmeister. "Was im praktischen Leben noch gefehlt hat, ist ein Beth Din." Einen Vorstoß dazu gab es bereits vom sefardischen Teil der Wiener jüdischen Gemeinde: Vor drei Jahren wurde hier der Sefardische Beth Din gegründet, dem Rabbiner Hotoveli ebenfalls als Av Beth Din vorsteht.