Wien. Eines gleich vorweg gesagt: Der Islam an sich trägt nicht die Verantwortung für etwaige Missstände an Wiens Kindergärten. Das ist die Kernaussage der lange erwarteten Studie, die von der Stadt Wien und vom Integrationsministerium in Auftrag gegeben und gestern, Donnerstag, präsentiert wurde. Durch die Islam-Kindergärten in Wien gibt es laut Studienautoren auch keine Parallelgesellschaften. Im Gegenteil, so Henning Schluß vom Projektteam der Uni Wien, die Separation habe weniger mit freiwilliger Abspaltung als mit Ausgrenzung zu tun.

An der Studie, die in zwei Teilen durchgeführt wurde, haben sowohl die Universität Wien und die Fachhochschule Campus Wien als auch Universitätsprofessor Ednan Aslan, der bereits 2015 mit seiner Pilotstudie im Auftrag des damaligen Integrationsministers Sebastian Kurz für Aufsehen gesorgt hatte, mitgearbeitet. Aslans Studie habe damals dazu beigetragen, so der Tenor, dass zum einen die Stadt Wien zu schärferen Kontrollen gerufen hat, zum anderen die Islamfeindlichkeit zum Wahlkampf-Thema wurde.

698 Kindergärten und Kindergruppen wurden überprüft - und zwar qualitativ, mit Fragebögen, Gruppendiskussionen und Lokalaugenscheinen. Was dort beobachtet wurde, habe gezeigt, dass die Probleme nicht ausschließlich in der islamischen Religion wurzeln. Der Mangel an qualifiziertem Personal etwa sei kein exklusives Merkmal von Einrichtungen mit besonderen Bezügen zum Islam, sondern gelte für alle. Auch Indoktrination sei kein Alleinstellungsmerkmal des Islam, betonen die Studienautoren. Zunächst habe man sich die Frage gestellt, was denn überhaupt "islamisch" ist, so Maria Fürstaller von der FH Campus Wien. Sind das Kindergärten, wo Halal-Essen angeboten wird, eine Pädagogin mit Kopftuch arbeitet oder das Kind muslimische Eltern hat?

Die Ergebnisse der Studie sind dann doch überraschend: "Seit 2015 gibt es einen dramatischen Rückgang von Religion in den Einrichtungen", sagt Schluß. Die politische Diskussion habe zu einer Stigmatisierung dieser Kindergärten geführt. "Faktisch ist es aber so, dass der Islam nicht verschwunden ist. Er wandert bloß aus dem Kindergarten hinaus, in einen Bereich, der pädagogisch nicht mehr zu verantworten ist." Dies sei jedoch nicht positiv, sondern bedenklich.

Man habe weiters festgestellt, dass muslimische Kinder oft ausgegrenzt werden. "Unsere Kindergärten sind ja erstaunlich homogen", so Schluß. Zusatzbeiträge in den Kindergärten, die Tatsache, dass beide Eltern arbeiten müssen, um einen Kindergartenplatz zu bekommen, und die Art und Weise der Platzvergabe in öffentlichen Kindergärten wurden in den Gruppendiskussionen als Grund angegeben, warum muslimische Eltern oft gar keine andere Wahl hätten als ihre Kinder in "eigene" Einrichtungen zu geben.