Wien. Wo werde ich wohnen und wovon lebe ich? "Das sind die zwei wichtigsten Fragen, die sich für Aussteigerinnen aus der Zwangsprostitution und Betroffene von Menschenhandel stellen", erklärt Andrea Staudenherz. Staudenherz ist Gründerin des Vereins "Hope for the Future". Ein Verein, der sich der zweiten Frage annimmt: Der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt für Frauen, die ein neues Leben beginnen und aus der Zwangsprostitution aussteigen wollen.

Denn die Frage nach dem Wohnen ist in Wien bereits durch Vereine wie Lefö oder Solwodi abgedeckt. Initiativen, die den Betroffenen von Menschenhandel und Zwangsprostitution beim Eintritt in den Arbeitsmarkt unterstützen, aber fehlten bislang. Diese Lücke konnte Staudenherz für einige Betroffene schließen. Mit Anfang 2018 soll der Verein vergrößert werden, um mehr Menschen Unterstützung anbieten zu können.

Vermittlung von Grundkompetenzen


Die Schwierigkeit sei gar nicht, einen Job zu bekommen, sondern vielmehr, ihn auch zu behalten, weiß Staudenherz. Ehrenamtlich arbeitet sie in der Streetwork und hat daher auch mit den Frauen direkt in den Laufhäusern und Studios Kontakt: "Viele der Betroffenen arbeiten in Studios oder in einem Laufhaus. Sie sind dort nonstop drinnen, wohnen teilweise auch dort. Das heißt, sie haben null Tagesrhythmus."

Danach in ein normales Arbeitsleben einzusteigen, funktioniere nicht ohne Weiteres. "Hope for the Future" vermittelt daher Grundkompetenzen, die man zum Eintritt in den Arbeitsmarkt benötigt: Pünktlich zur Arbeit zu erscheinen oder abzusagen, wenn man krank ist; oder wie man den Tag strukturiert. Seit Februar 2016 wird das im Rahmen von Näh-Workshops geübt, die dort produzierten Stofftaschen werden über einen Online-Shop verkauft.

Opferidentifizierung
durch NGOs


Zweimal wöchentlich werden darüber hinaus Deutschkonversationsstunden angeboten. Denn: Unabhängig davon, ob die Frauen in einem Ausbeutungsverhältnis arbeiten, sind rund 95 Prozent aller Sexarbeiterinnen in Wien Migrantinnen. Staudenherz betreut in erster Linie Nigerianerinnen und Ungarinnen. Es sind oft Frauen, die unter falschen Versprechungen nach Österreich geholt wurden. Egal, ob durch die Abhängigkeit zu einem "Loverboy", der den Betroffenen die große Liebe vorspielt, oder durch Schulden bei den Schleppern - Abhängigkeit, Gewaltandrohungen und tatsächliche Gewalt sind Gründe, wieso die Frauen in der Zwangsprostitution landen und der Ausstieg mehr als schwierig ist.

Gleichzeitig fehlen insbesondere Drittstaatsangehörigen Beschäftigungsbewilligungen - als "Neue Selbständige" sind den Personen nur wenige Branchen zugänglich. Eine davon ist die Sexarbeit. Ein Teufelskreis: Für einen Aufenthaltstitel und eine Beschäftigungsbewilligung müssen die Opfer gegen die Täter aussagen, doch eine Aussage vor Behörden ist für die meist schwer traumatisierten Opfer keine Selbstverständlichkeit.