Das Heumarktprojekt ist nur eines von vielen in Wien, das den Status der Stadt als Stätte des Weltkulturerbes gefährdet. Schuld ist für Wilfried Posch der Marktradikalismus. - © WertInvest
Das Heumarktprojekt ist nur eines von vielen in Wien, das den Status der Stadt als Stätte des Weltkulturerbes gefährdet. Schuld ist für Wilfried Posch der Marktradikalismus. - © WertInvest

Wien. Heumarkt, Belvedere, Schönbrunn - die Liste an umstrittenen Bauprojekten in Wien wird laufend länger. Der Status Wiener Stätten als Weltkulturerbe ist gefährdet. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Wilfried Pöschl über die Hintergründe. Der Experte in Sachen Kulturerhaltung ist Architekt, emeritierter Professor der Universitäten Linz und Graz und Vizepräsident von Icomos. Diese Organisation hat einerseits gegenüber der Unesco eine Berichtspflicht und berät andererseits die nationalen Behörden in Sachen Weltkulturerbe. Sie fungiert somit als Bindeglied zwischen den Institutionen.

"Wiener Zeitung": Die Fälle von geplanten Bauten, die das Weltkulturerbe Wiener Innenstadt gefährden, häufen sich. Zahlt es sich - wenn man von Ansehen und Ansehnlichkeit einmal absieht - für eine Stadt aus, auf den Weltkulturerbe-Status zu verzichten?

Wilfried Posch: Es geht nicht nur um diesen Status allein. Da hängt viel mehr daran. Es gibt einen Punkt, ab dem der Ruf ruiniert ist. Wenn eine Stadt Raubbau an den ererbten Schönheiten betreibt, dann besichtigen auch Touristen lieber Orte, die noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten sind. Wir bei Icomos schreiben Jahr für Jahr auf, was in Wien passiert. Das ist praktisch eine Chronik der Zerstörung.

Das Projekt am Heumarkt trägt da das seinige dazu bei?

Der Heumarkt ist nicht das einzige Problem in Wien. Da wäre einmal dieses Aufstocken von Gebäuden an allen Ecken und Enden der Wiener Innenstadt. Das verändert entscheidend das Erscheinungsbild. Hinzu kommen diverse Einzelbauten. Beispielsweise in Wien Mitte. Was vielen nicht bewusst ist, ist, dass Wien mit dem Bau des City Towers schon einmal haarscharf am Entzug des Welterbe-Status vorbeigeschrammt ist. Das sind üble Sachen, die in der Häufung schon einmal dazu führen können, dass für Wien ein Schaden entsteht.

Ihre Organisation, Icomos, ist ja dazu da, die Entwicklungen in Sachen Welterbe zu kontrollieren. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Icomos und den österreichischen Behörden?

Wir beobachten die Entwicklung der Stätten und führen Gespräche mit den zuständigen Behörden von den einzelnen Referenten bis zu den Bürgermeistern. Die wissen, dass sie bei sensiblen Bauvorhaben schon im Vorfeld nachfragen sollten, ob da eine Welterbeverträglichkeit gegeben ist. In Österreich wird das aber fast nirgends so gehandhabt.

Sondern?

Meist kommt es zu einer Art geheimen Kommandoaktion, mit der man versucht, Tatsachen zu schaffen. Wir werden da gar nicht erst informiert. Der Fall des Schwarzenberggartens beim Belvederestöckel zeigt das sehr gut. Dort soll ein Biergarten entstehen, wobei nicht einmal genau geklärt ist für wie viele Personen. Das Bauwerk befindet sich 150 Meter vor der Stadtfassade des Schloss Belvederes. Außerdem handelt es sich um Parkschutzgebiet. Trotzdem liegen bis auf die Betriebsstättengenehmigung schon alle Bewilligungen vor. Da wurde von der Stadt Wien alles zugunsten des Investors ausgelegt. In anderen Ländern ist so etwas undenkbar. Stellen Sie sich vor, dass etwa in Versailles, Sanssouci oder Nymphenburg 150 Meter vor der Hauptfassade eine Brauerei einen riesigen Bierbetrieb macht. Beim Heumarkt war es dieselbe Vorgehensweise. Und dann ist Wien von der Unesco auf die Rote Liste gesetzt worden. Bis zum 1. Februar hat Wien noch die Möglichkeit zu zeigen, dass das umgewidmet wird. Ist das nicht der Fall, dann ist damit zu rechnen, dass der Inneren Stadt Wien der Status als Weltkulturerbe aberkannt wird.