Wien. "Noch viel Luft nach oben" gibt es beim öffentlichen Verkehr in der Ostregion", erklärten Arbeiterkammerpräsident Rudi Kaske und der Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck am Montag. Und sie stellten - in seltener Eintracht - konkrete Forderungen an den neuen Verkehrsminister Norbert Hofer und die Wiener Stadtregierung:

"Prioritär müssen 15 neue S-Bahnhöfe gebaut und 23 Kilometer von bisher zu wenig genutzten Gleisanlagen ausgebaut werden. Neue S-Bahn-Strecken braucht es im Norden vorbei am Gewerbepark Stadlau zur Entlastung der Stammstrecke, entlang der Donau und im Süden nach Oberlaa", so Kaske und Ruck

Dafür müssten laut den beiden Präsidenten rund 750 Millionen Euro von Bund und dem Land Wien investiert werden. Außerdem fordern die Kammern die Modernisierung der Wiener Stammstrecke und den viergleisigen Ausbau der Südbahn.

- © WZ Grafik, AK Wien
© WZ Grafik, AK Wien

Und vor dem Hintergrund einer rasch wachsenden Stadt sei Eile geboten - es gelte, jetzt konkrete Schritte für die kommenden zehn Jahre zu setzen und so viel Verkehr wie möglich von der Straße auf die Schiene zu bringen, betonte Kaske. Oder wie es Ruck aus Sicht der Wirtschaftskammer argumentierte: "Ein möglichst geschlossenes öffentliches Verkehrsnetz bringt die Pendler auf die Schiene, um dem Wirtschaftsverkehr Platz zu machen."

Plädoyer für Lobautunnel

Durch den Ausbau der bestehenden Verbindungsbahn zwischen Hütteldorf und Meidling könne etwa der Südwesten Wiens besser an das Gesamtnetz der S-Bahnverbindungen angebunden werden. Ein deutlich stärkerer S-Bahn-Ast auf der Trasse der Verbindungsbahn würde laut Ruck zudem eine zweite Ring-Schnellverbindung außerhalb von U6 und U4 ermöglichen und diese Linien entlasten. Hier soll die Frequenz von dem derzeitigen Halbstunden-Takt auf "mindestens" 10 bis 15 Minuten beschleunigt werden. Für die S45 könnte er sich sogar eine 7-Minuten-Frequenz vorstellen, wie Kaske anmerkte. "Denn wenn die S-Bahn häufig fährt, wird sie auch als schnelles Verkehrsmittel wahrgenommen", so der AK-Präsident.

Eine weitere Forderung ist der Ausbau des Marchegger Astes zwischen Wien und Bratislava. Ein zweigleisiger Ausbau und eine Elektrifizierung zwischen Stadlau und Marchegg würde eine bessere Anbindung der Stadtentwicklungsgebiete im Nordosten bringen und die stark belasteten Einpendlerstraßen entlasten, sind Kaske und Ruck überzeugt. Weitere Forderungen: Die private Westbahn-AG muss wieder zurück zur Anerkennung der VOR-Tickets - schließlich sei sie im Schnellbahnnetz der Stadt unterwegs. Außerdem sollten Züge, die nur innerhalb der Stadt unterwegs sind, weniger Sitzplätze haben, Pendlerzüge dagegen mehr. Hier seien die ÖBB gefordert.

Kaske und Ruck pochten einmal mehr auf die rasche Umsetzung der sechsten Donauquerung - soll heißen die Verlängerung der Nordostumfahrung plus Lobautunnel. Letzterer sei keine ideologische Frage, sondern eine pragmatische und die laute: "Binde ich den Nordosten Wiens an oder nicht", meinte Kaske. Ohne Tunnel drohe der Nordosten jedenfalls zum verkehrstechnischen Problemfall zu werden "und Wien in Sachen Lebensqualität ins Hintertreffen zu gelangen". Nur mit dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur würden sich dort Betriebe ansiedeln und neue Arbeitsplätze geschaffen. Als "bissl eigenartig" bezeichnete Kaske, dass die Wiener Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou eine offensichtlich längst fertiggestellte Studie zurückhalte, die Alternativen zum Tunnel aufzeigen soll. Manche Menschen könnten das als Verzögerungstaktik interpretieren, meinte Kaske.

"Trugschluss"

In diesem Zusammenhang meldete sich am Montag auch die Umweltorganisation Virus zu Wort: Es sei ein von der Verkehrswissenschaft längst widerlegter Trugschluss, dass mit großen Straßenbauten wie dem Lobautunnel Verkehrsentlastung und ein Weg aus dem Stau erreicht werden können, betonte Wolfgang Rehm. In Sachen S-Bahn-Ausbau begrüßt die Umweltorganisation den Vorstoß von Kaske und Ruck.