Wien. Am Wochenbeginn hat Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou die Vertreter der Presse eingeladen, um eine lang erwartete Studie zu präsentieren, die Alternativen zum Lobautunnel aufzeigen soll. Präsentiert hat sie dann gleich zwei Studien, die zu entgegengesetzten Ergebnissen gekommen sind: So spricht sich eine Forschungsgruppe der Technischen Universität Wien gegen den Tunnelbau aus. Eine andere Expertengruppe kommt hingegen zum Schluss, dass man den Tunnel brauchen wird.

Politisch argumentieren die Gegner damit, dass ein Tunnel aus verkehrstechnischer Sicht gar nicht notwendig ist. Ein Aktionsplan zum Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und der Parkraumbewirtschaftung würden ausreichend sein. Die Befürworter sind wiederum der Meinung, dass die Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung im 21. und 22. Bezirk sowie im Umland ohne Tunnel erheblich behindert und zeitlich verzögert werde.

In einem von der "Wiener Zeitung" moderierten Streitgespräch im Café Eiles diskutieren der ehemalige Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker und Verkehrsplaner Hermann Knoflacher von der TU Wien über diese Standpunkte.

"Wiener Zeitung": Herr Knoflacher, Sie sind gegen den Bau des Lobautunnels - warum?

Hermann Knoflacher: Wir haben in der Studie verschiedene Szenarien durchgerechnet und da zeigt sich, wenn die Stadt Wien ihre Verkehrspolitik - die in den vergangenen 40 Jahren dazu geführt hat, dass Wien heute international eine so gute Position einnimmt - auch weiter jenseits der Donau konsequent verfolgt, dann ist der Tunnel nicht notwendig. Ein Tunnel hätte negative wirtschaftliche, soziologische und ökologische Auswirkungen. Ohne Tunnel würde der Zwang zu einem sehr kompakten Städtebau entstehen.

Sie meinen ein engmaschiges Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln?

Unter anderem ja.

Herr Schicker, ich nehme an, Sie sehen das ein wenig anders?

Rudolf Schicker: Punkt eins: Den Durchzugsverkehr aus der Stadt hinaus zu bekommen ist eine Forderung, die jede Metropole stellt. Punkt zwei: Wien wächst enorm schnell, weswegen eine Ansiedlungspolitik dort betrieben werden muss, wo noch Flächen zur Verfügung stehen. Da die Verfügbarkeit von Konversionsflächen - Eisenbahn- oder Kasernenareale - langsam zu Ende geht, müssen Flächen wie bei der Seestadt Aspern genützt werden. Und das geht nicht ohne ÖV-Anschluss (Öffentlicher Verkehr Anm.) und ohne Anschluss an den Individualverkehr.

Was hat das konkret mit dem Lobautunnel zu tun?

Tatsache ist, dass die Verkehrsleistung - egal wie man sie löst - in der Donaustadt massiv wachsen wird. Selbst wenn man, wie geplant, bis 2030 den motorisierten Individualverkehr von derzeit 27 Prozent auf 20 Prozent reduziert, ergibt sich alleine durch das Bevölkerungswachstum noch immer eine idente Verkehrsleistung im Individualverkehr. Wenn man die Ortskerne der Donaustadt entlasten möchte und den Durchzugsverkehr von der Südosttangente wegbekommen will, dann brauche ich eine Donauquerung außerhalb Wiens.