Wien. Er lernte von Regisseur François Truffaut und drehte rund 120 Dokumentarfilme. Robert Bober, Sohn jüdisch-polnischer Migranten, zählt heute zu den bedeutendsten Filmemachern Frankreichs. Als die Nazis an die Macht kamen, flüchtete der 1931 in Berlin Geborene mit seiner Familie nach Frankreich. Mit einigem Glück gelang es den Bobers, den Naziterror zu überleben. Der junge Bober arbeitete zuerst als Schneider, dann als Pädagoge in Holocaust-Projekten. So lernte er auch Truffaut kennen und arbeitete ab Ende der 1950er Jahren als sein Assistent. Sein neuester Dokumentarfilm "Wien vor der Nacht" läuft derzeit in den Kinos. Antriebsfeder sei die Suche nach seinem Urgroßvater gewesen, wie er im Interview erzählt.

"Wiener Zeitung":Robert Bober, Ihr neuester Dokumentarfilm behandelt das Wien der Zwischenkriegszeit vor dem Holocaust. Warum gerade Wien und warum gerade diese Zeit?

Robert Bober: Ich habe vor rund einem halben Jahrhundert eine Dokumentation über die jiddische Sprache gedreht, es war mein allererster Film. Im Zuge der Recherchen habe ich damals auch Fotos von meinem Urgroßvater Wolf Leib Fränkel gefunden, einem Wiener. Als ich schließlich selbst Großvater wurde, hat das Thema eigentlich eher mich gefunden. Mein Urgroßvater starb 1929, noch vor der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, vor dem Anschluss und vor der Shoah - und vor meiner Geburt. Ich wollte mir vorstellen, wie er in Wien lebte.

Hatten Sie eine persönliche Bindung zu Ihrem Urgroßvater?

Seine Bilder hingen bei uns zu Hause, so war er immer Teil meines Lebens. Aber ich kannte ihn selbst nicht. Wenn ich sein Leben erzählen möchte, dann kann ich das also nur tun, indem ich mich in die Zeit und den Kontext zurückversetze. Ich weiß ja vieles über ihn gar nicht, kann oft nur mutmaßen. Das sage ich auch so im Film. Er selbst ist übrigens zufällig nach Wien gekommen, eigentlich wollte er nach New York. Bei der Einreise ist er aber aufgrund einer Erkrankung abgewiesen worden und hat am Rückweg nach Polen in Wien Station gemacht. Er verliebte sich und sagte seiner Familie: "Wir fahren nicht nach New York, sondern nach Wien, es ist eine großartige Stadt." Mein Urgroßvater war also ein echter und typischer Wiener - und seine Angehörigen wurden dann in den Konzentrationslagern ausgelöscht.