Wien. Immer wenn Leon einschaltete, konnte er abschalten. Der Computer fuhr hoch, die Welt um ihn herum und ihre Probleme verschwanden. "Wenn ich mich schlecht gefühlt habe, habe ich einfach gespielt", sagt Leon. Im Computerspiel "World of Warcraft" tauchte er ein in eine Welt voller Elfen, Magier und Ritter. Aus dem zurückgezogenen Buben wurde ein strahlender Held. Umgeben von einer eingeschworenen Gemeinschaft, stürzte er sich via Internet ins Abenteuer. Zunehmend ergriff die Parallelwelt Besitz von ihm. Irgendwann wurde sie wichtiger als das echte Leben. Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr spielte Leon bis zu 16 Stunden täglich. Heute ist der 23-Jährige stationärer Patient im Anton-Proksch-Institut, vulgo "Kalksburg". Diagnose: Computer- und Internetsucht.

"Internetsucht ist die am stärksten zunehmende Sucht", erklärt Psychiater Roland Mader. "Je größer das Angebot, desto mehr Nutzer. Je mehr Nutzer, desto mehr Süchtige", ist die einfache Rechnung. Mader betreut Leon und ist Leiter einer Station für Alkohol-, Medikamenten- und Spielsucht am Anton-Proksch-Institut. Seit sechs Jahren werden dort Internet- und Computerspielsüchtige stationär aufgenommen - und es werden immer mehr. Mindestens drei Prozent aller österreichischen Jugendlichen sollen aktuellen Schätzungen zufolge der virtuellen Welt pathologisch verfallen sein. Sich von ihr zu lösen, fällt Leon sichtlich schwer. Nervös sitzt er in Maders Zimmer. Er nestelt an der Schnalle seiner Armbanduhr. Rein, raus, rein, raus.

"Jede Sekunde des Spiels habe ich mich gut gefühlt", sagt der 23-Jährige. "Dabei ist es mir damals eigentlich beschissen gegangen. Ich hatte innerlich Schmerzen. Aber ich hatte nichts anderes, um mich abzulenken und aufzuheitern." Gerade dieses Wohlbefinden ist so typisch, wie es auch gefährlich ist. "Dem Süchtigen geht es gut, er fühlt sich in seiner virtuellen Welt geborgen. Erst spät merkt er, dass etwas schiefläuft", erklärt Mader.

Zuerst Gameboy, dann PC

Auch Leon begann klein, bevor er zum jahrelangen Gefangenen seiner Sucht wurde. "Ich habe zuerst mit dem Gameboy gespielt. Mit zwölf Jahren habe ich dann meinen eigenen PC bekommen", erzählt er. Damals achteten die Eltern noch auf eine zeitliche Begrenzung. Mehr als ein oder zwei Stunden täglich spielte er nicht. "In der Unterstufe bin ich auch noch ziemlich aufgeweckt gewesen. Da war alles noch viel kindlicher und einfacher."