Wien. Der Streit um das milliardenteure Krankenhaus Nord ist seit dem Wochenende erneut um eine Facette reicher: Die "Kronen Zeitung" berichtete am Sonntag von einem vertraulichen Sachverständigengutachten, das sämtliche Fehler des Architektenteams rund um Albert Wimmer auflisten soll. Demnach soll er durch falsche beziehungsweise verspätete Planungen und Vermessungen einen Schaden von 30,6 Millionen Euro verursacht haben.

In Auftrag gegeben wurde das Gutachten vom Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Worum es sich bei diesem Papier aber genau handelt, darüber herrschte am Montag zunächst Verwirrung. "Mir wurde kommuniziert, dass es sich um kein Gutachten, sondern nur um eine Diskussionsgrundlage handelt", meinte Architekt Wimmer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Im KAV stellte man dann auf Anfrage klar: Bei dem zitierten Gutachten handle es sich "noch um einen Entwurf".

Auch beziehe sich das unfertige Gutachten nicht nur auf jene Schäden, die Wimmer verursacht haben soll. "Es geht darin nicht nur um den Entwurf des Gebäudes und die architektonische Leistung, sondern um sämtliche Planungsleistungen der beauftragten Unternehmen", so ein KAV-Sprecher. Sobald das Gutachten fertig ist, soll es an die Versicherung weitergeleitet werden: "Sie muss dann bewerten, welche genannten Schäden sie anerkennt."

Architekt bestreitet Vorwürfe

Was steht nun in diesem Entwurf? Laut den zitierten Passagen verursachten diverse Fehler Millionenschäden für die Steuerzahler. So sollen etwa die verspätet abgelieferte Statikplanung des Architektenbüros und ein "unkoordinierter Planungsprozess" 4,5 Millionen Euro gekostet haben. Auch sei "bereits seit dem 1. Quartal 2015 erkennbar gewesen, dass die Kostenobergrenze von 825 Millionen Euro beim KH Nord nicht zu halten sein wird". Die Stadtregierung gab die Kostenexplosion allerdings erst nach der Wien-Wahl 2015 bekannt.

Wimmer wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. Diese seien falsch und nicht nachvollziehbar: "Von Anfang an hat mein Team hochkarätig gearbeitet." Auf mögliche Probleme - etwa die ständig wechselnden Akteure im Bauprozess - habe er persönlich rechtzeitig hingewiesen. "Aber der Architekt ist scheinbar an allem schuld."

Unterdessen gibt es auch neue Entwicklungen hinsichtlich der von der rot-grünen Stadtregierung angekündigten Untersuchungskommission zum KH Nord. Die ÖVP Wien legte am Sonntag eine erweiterte Zeugenliste für die U-Kommission vor. Sie fordert die Befragung von 32 Personen - darunter befindet sich unter anderem auch jener Humanenergetiker, der für 95.000 Euro eine energetische Schutzbarriere um das Krankenhaus zog. Auch die FPÖ besteht auf die Vernehmung zahlreicher Zeugen. Die "lückenlose Aufklärung aller Vorgänge und Fehlentscheidungen" habe oberste Priorität, so der Wiener FPÖ-Chef Johann Gudenus in einer Aussendung.

Mit Interesse wird aufgrund der Vorfälle beim KH Nord derzeit die Energetikerszene beobachtet. Am Montag berichteten Medien, dass auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) bis zu ihrem Amtsantritt einen Energetik-Gewerbeschein hatte. Die frühere A1-Chefin konnte unter anderem mit Pendel oder Wünschelruten arbeiten, um Störfelder im Körper oder Wasseradern zu erkennen. Das Büro der Ministerin bestätigte laut "Kronen Zeitung" die Existenz des Gewerbescheins, stellte allerdings klar: "Sie hat den Gewerbeschein rein aus persönlichem Interesse gelöst, den Beruf als Energetikerin aber nie aktiv ausgeübt."