Es ist egal, was er den Menschen erzählt, wie aufgesetzt seine Lacher sind. Sie stehen hinter ihm. Für sie ist er einer von ihnen. Einer, der es von unten geschafft hat, ihre Seite der Donau vertritt. Wenn Ludwig Bürgermeister wird, dann werden sie auch ein bisschen Bürgermeister sein. Sie sprechen ihn an, als wäre er ihr Nachbar: "Kommst uns noch besuchen, wennst dann Bürgermeister bist?" "Aber natürlich", antwortet er.

Hinter Ludwig folgt ein Tross von SPÖ-Funktionären. Korpulente Männer wie er, mit Krawatte und Anzug. Beim offiziellen Teil durften sie ihre Reden halten, flankierten Ludwig bei Fotos. Doch nun geht es um die Bürger. Um Nähe zu den Kleingärtnern zu zeigen, lässt Ludwig sogar Donaustadts Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy links liegen. Nevrivy möchte sich offenbar aus dem stickigen Gewächshaus verabschieden. Er versucht mit Ludwig Blickkontakt herzustellen. Ludwig, der gerade zwei Gärtnerinnen zuhört, winkt ihm kurz zu. Zu wenig für Nevrivy. Er will seinem Parteifreund die Hand geben. Doch Ludwig zeigt kein Interesse, dreht dem Bezirksvorsteher den Rücken zu. Die Botschaft Ludwigs ist klar: Er ist für das Volk da, nicht für den Parteiadel.

"Alle Mächtigen in der Partei wollten ihn verhindern"

"Deswegen wurde er auch Bürgermeister", sagt Ernst Woller. "Alle Mächtigen in der Partei wollten ihn verhindern. Michael Häupl und alle Stadträte, außer Mailath-Pokorny." Doch die Basis habe sich durchgesetzt. Gegen die Parteiführung. "Das hat es noch nie gegeben", befindet Woller.

Doch nicht jeder in der Partei teilt Wollers Ansicht. Tanja Wehsely winkt ab. "Wie soll ein Stadtrat zur Basis gehören gegen ein Establishment der Parteispitze, zu der er ebenfalls gehört? Das ist vollkommen absurd", sagt die Bildungsvorsitzende der SPÖ Brigittenau.

Woller und Wehsely gehören zwei verschiedenen Lagern in der Partei an. Zwei Lager, zwischen denen in den vergangenen zwei Jahren ein Richtungsstreit um die Nachfolge Häupls entbrannte. Woller steht auf der Ludwig-Seite. Es ist die Seite der Flächenbezirke. In Floridsdorf, Donaustadt oder Simmering ist die Zahl der sozial Benachteiligten höher, man fährt lieber mit dem Auto, trifft sich beim Wirt ums Eck auf ein Bier, ist skeptisch gegenüber Zuwanderung. Auch mit den Grünen als Koalitionspartner kann man wenig anfangen.

Auf der anderen Seite befinden sich die Vertreter der kleineren, innerstädtischen Bezirke. Sie fahren mit dem Fahrrad, trinken Latte Macchiato, sind gut gebildet, haben ein gutes Einkommen. Man betont die positiven Aspekte von Migration, stellt sich gegen die Verschärfung von Asylgesetzen. In diesen Bezirken finden sich auch die Befürworter der rot-grünen Koalition. Ihre Kandidatin war die ehemalige Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, Tanja Wehselys Schwester.

Der Richtungsstreit wurde offen ausgetragen. In den Medien erzählten sie, warum der jeweils andere nicht als Häupls Nachfolger geeignet wäre. Es wurden Whatsapp-Gruppen gegründet, um sich zu organisieren. Die Gruppe des Ludwig-Lagers nannte sich "Die Mehrheit", Wehselys Anhänger hießen "Team Haltung". Stadträtin Sandra Frauenberger sagte in einem "Standard"-Interview, dass Michael Ludwig kein einender Kandidat und daher ungeeignet sei. Ludwig-Intimus, Gemeinderat Christian Deutsch, attackierte Wehsely über Twitter. Über ihren Besuch mit dem damaligen ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka und dem damaligen Bundeskanzler Christian Kern in der Obdachlosenunterkunft Gruft schrieb er: "Lopatka, Wehsely & Kern gehen mit Kameras Armut schauen. Eine bundeseinheitliche Lösung für Mindestsicherung schaffen sie nicht."

Im Wehsely-Lager denunzierte man Ludwig als Rechtsausleger und FPÖ-Sympathisant. Ludwig konterte in einem Leserbrief an das Magazin "Profil": "Niemand glaubt, die Wiener SPÖ könne mit ‚Bobos’ allein Mehrheitspartei bleiben." Selten war Ludwig so konkret, wie in diesem Fall.

41,5 Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit

Immer wieder befeuern Vertreter der beiden Lager den Richtungsstreit. Doch Ludwig hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Wehsely. Es ist der Boulevard, den er mit Inseraten aus seinem Wohnbauressort fütterte. 41,5 Millionen Euro gab sein Ressort in den vergangenen zehn Jahren für Öffentlichkeitsarbeit aus, wie die Rechercheplattform "Dossier" herausfand. Rund 11.400 Euro pro Tag. In den vergangenen beiden Jahren wurde das Budget sogar erhöht. Es wurde in diesem Zeitraum mehr für "öffentliche Informationen" ausgegeben, als für die städtische Bauaufsicht. Das Ergebnis: Ludwig-Festspiele und Skandalberichte über Wehsely in auflagenstarken Boulevardmedien.

Im Jänner 2017 gab Wehsely auf. Sie wechselte in die Privatwirtschaft. Lebensgefährte Andreas Schieder folgte ihr zehn Monate später nach. Häupl hatte mittlerweile seinen Rückzug angekündigt und einen außerordentlichen Parteitag Ende Jänner 2018 einberufen. An diesem sollte sein Nachfolger gekürt werden. Schieder hatte zwei Monate, um auf sich aufmerksam zu machen. Zu wenig. Mit 57 Prozent der Stimmen wählten die Delegierten Ludwig zum neuen Parteichef.

"Ab jetzt gibt es nur noch eine Partei, nur noch eine SPÖ", sagte Ludwig nach seiner Wahl. Frauenberger und Klubchef Oxonitsch verstanden. Sie traten bald darauf zurück. Finanzstadträtin Renate Brauner wird am Donnerstag abgelöst. Auch Mailath-Pokorny ging, jedoch aus anderen Gründen.

Ludwig ist es gelungen, sein politisches Gewicht zu erhöhen. Diesen Eindruck hat man auch im Gemeinderat. "Er hat sich Respekt verschafft", heißt es dort. "Alle Gemeinderäte sind bei seinen Reden anwesend. Auch seine Reden werden besser, er fühlt sich sichtbar wohl." Seine Macht spielt Ludwig jedoch nicht direkt aus. Der Boulevard und Parteifreunde erledigen auch weiterhin seine Arbeit. Sonja Wehselys "Team Haltung" hat mittlerweile seine Kraft verloren.

In zwei Jahren muss Ludwig den ersten Platz der SPÖ bei der Wien-Wahl verteidigen. Wird er die Partei bis dahin einen können? Tanja Wehsely: "Er wird sicher viele zu bedienen haben, die glauben, dass sie an seinem Erfolg maßgeblich beteiligt sind", sagt sie. "Ich hoffe, dass er eine Breite anspricht und Brücken baut. Dieser Beweis wäre aber noch zu erbringen."