Wien. Er beachtet die kleinen Gesten, die sonst nur wenige beachten, die Handbewegungen, das Augenzucken, die Kopfhaltung der Menschen: Auf dem Gebiet der Körpersprache ist Stefan Verra ein Experte. Für die "Wiener Zeitung" hat er im vergangenen Herbst bereits die Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl analysiert. Nun ist Michael Ludwig dran. Was lässt sich aus der Körpersprache des Mannes ablesen, der - so alles nach Plan läuft - heute, Donnerstag, vom Gemeinderat zum neuen Wiener Bürgermeister gewählt wird? Wie tickt der Mann, der Michael Häupl nach fast 24 Jahren Amtszeit ablöst?

"Wiener Zeitung": Herr Verra, wie schätzen Sie Ludwigs Körpersprache ein?

Stefan Verra: Ludwig hat nicht diese konfrontative Körperhaltung, die zeigt, dass er für seine Wähler einsteht. Sie ist momentan noch nicht stark genug, sondern sehr technokratisch.

Was meinen Sie damit?

Seine Körpersprache ist angepasst an die übliche Körpersprache von Gremien, Ausschuss- und Gemeinderatsitzungen. Dort ist es nicht angebracht, zu explodieren, wenn einem etwas nicht passt. Diese unglaublich kontrollierte Körpersprache sieht man bei Ludwig fast durchgehend. Sie ist insgesamt sehr reduziert.

In welchen Gesten zeigt sich das?

Ludwig kann nicht auf den Tisch hauen. Wenn Michael Häupl bei einer Pressekonferenz auf den Tisch gehaut oder einen Sager losgelassen hat, wusste jeder, dass er das beim Wirt’n ums Eck genauso machen würde. Häupl zerschmettert mit seiner Faust das Gegenargument. Ludwig zerschmettert zwar auch, kommt aber auf einem Wattebausch auf. Er formt keine richtige Faust, sondern legt nur die Fingerspitzen zusammen. Mit dieser verkappten Faust klopft er nicht einmal auf den Tisch, sondern stoppt ab, kurz bevor er den Tisch berührt.

Seine Körperhaltung ist zu zurückhaltend?

Ja. Das zeigt sich auch bei seiner Kopfhaltung. Den Kopf hält Ludwig oft schräg zur Seite, damit macht er sich kleiner und zeigt ein wenig seinen offenen Hals her. Wenn jemand zornig ist, hält er den Kopf hingegen ganz gerade, die Nackenmuskel spannen sich automatisch an. Deswegen hält Strache den Kopf meistens gerade - wenn er nach links und rechts pendelt, macht er das nur kurz. Auch streckt Ludwig oft die Zunge heraus, bevor er redet. Das kann viel bedeuten: Bei ihm signalisiert es aber, dass er immer etwas im Stress ist.

Stellt diese Zurückhaltung ein Problem dar?

Ludwig ist wohl an die Gremien angepasst, nicht aber an die Bedürfnisse der Bevölkerung. Die Wiener sind es gewohnt, dass sie Politiker vor sich haben, die körpersprachlich ein wenig in der Sprache des Volkes sprechen. Stellen wir uns einen Mann vor, der in Transdanubien bei Bombardier arbeitet. Liest er in der Zeitung, dass Bombardier Stellen streicht, bekommt der Angst. Diese Angst äußert sich in Aggressivität. In einem Beisl in Floridsdorf haut er auf den Tisch und brüllt: "Die Politik tut nichts für uns, sie versorgt nur die Ausländer." Wenn oben in der Politik ein Häuptling sitzt, der eine sehr zurückhaltende, an Gremien angepasste Körpersprache hat, hat der Arbeiter nicht das Gefühl, dass der ihn richtig vertritt.