Wien. Udo Janßen will bei seiner Befragung nicht spekulieren. Bis zu seiner Übernahme als Generaldirektor des KAV mit 1. November 2014 sei der Bau des Krankenhauses Nord gut gelaufen, heißt es in der Untersuchungskommission, die sich mit den Unregelmäßigkeiten des Skandalprojekts befasst. Das haben Zeugen übereinstimmend erklärt. Was da passiert sei, will die Kommission am Dienstag nun von Janßen, der bis 20. März 2017 KAV-Chef war, wissen. Janßen spekuliert nicht. Das überlässt er anderen - und beflügelt sie dabei. Man könne sich etwa fragen, warum sein Vorgänger kurz vor seinem Rückzug ganz prominent eine Bestätigung angefordert habe, die attestierte, dass alles in Ordnung sei.

"Die Eskalation eines Projekts ist immer dann am größten, wenn schon am Anfang Fehler gemacht werden", erklärt Janßen. Zu seiner Befragung ist er in Begleitung eines Anwalts erschienen. Als er die Leitung des KAV und damit des Bauprojekts übernommen habe, sei dieses bereits von "eklatanten Defiziten" geprägt gewesen, beteuert er. "Das Projekt hat sich eigentlich schon in einer kritischen Phase befunden." Ihm sei es nur noch um "Schadensbegrenzung" gegangen.

Probleme schon vor der Übernahme konstatiert

Schon bei seiner Übernahme als KAV-Chef sei in einem Bericht der begleitenden Kontrolle dokumentiert worden, dass es zu einer Kostensteigerung auf bis zu eine Milliarde Euro und zu einer Bauzeitverlängerung um neun Monate kommen dürfte, erzählt er. Jeder Monat Verzögerung bedeute da 6 bis 10 Millionen Euro an Mehrkosten. Da sei noch gar nicht die Insolvenz der Fassadenfirma miteingerechnet gewesen, die zu weiteren Verzögerungen und Kosten geführt habe.

Die Risikobereitschaft sei viel zu hoch gewesen beim Versuch, den Bau selbst durchzuführen. Überhaupt sei die Planungsvorlage des KH Nord unzureichend gewesen. Die Insolvenz der Fassadenfirma wiederum sei dann gemeinsam mit der mangelhaften Statikplanung das kritische Moment gewesen. Zudem sei es zu Lücken ("Gaps", wie Janßen sie nennt) bei der Übergabe im Jahr 2014 gekommen. Das habe einen großen Wissensverlust bedeutet.

Warum er dann nicht auf die Expertise von Maximilian Koblmüller zurückgegriffen habe, will die Landtagsabgeordnete Ingrid Korosec (ÖVP) wissen. Immerhin sei der ehemalige stellvertretende Generaldirektor des KAV (dessen Vertrag mit der Übernahme Janßens nicht verlängert wurde) weiterhin als Berater angestellt gewesen. Davon habe er selbst erst spät und "en passant" erfahren, rechtfertigt sich Janßen. Das wiederum überrascht den Landtagsabgeordneten Wolfgang Seidl (FPÖ). "Am 16. Dezember 2013 hat der ,Kurier‘ darüber geschrieben, aber Sie waren nicht informiert", konstatiert er.

Viele kannten sich schon
"vom Kindergarten"

Die großen Personalrochaden, die mit seiner Ankunft als KAV-Chef erfolgten, verteidigt Janßen wiederum. Es sei notwendig gewesen, neue Strukturen zu schaffen in einer Institution, in der sich viele bereits "vom Kindergarten" gekannt hätten.

Ab welchem Zeitpunkt er sich eigentlich für die Geschehnisse des KH Nord verantwortlich fühle, fragt Seidl. Immerhin sei schriftlich festgelegt gewesen, dass er mit Übernahme des Chefpostens vollinhaltlich für die Errichtung des KH Nord verantwortlich sei. Per Rollenbeschreibung sei er ab Mai 2013 zuständig gewesen, räumt Janßen ein. Auch wenn das bedeute, dass man dann die Altlasten "ausbaden müsse".

Janßen wirft der Politik Einflussnahme auf das Management des KAV vor. Er habe teilweise mehr Zeit im Stadtratbüro als in der Generaldirektion verbracht. Er sei zwar nicht der Ansicht, dass es eine "vorsätzliche Schädigung" durch die frühere Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) gegeben habe. Aber: "Ich glaube, dass die Einflussnahme der Politik ein vernünftiges Management beeinträchtigt hat." Wehsely habe in ihrer Rolle als politisch Verantwortliche gestalten wollen und versucht, Einfluss zu nehmen. "Ich glaube, dass die Stadt gut beraten ist, den KAV in die tatsächliche Selbständigkeit zu entlassen", so Janßen.

So geht das Spiel "Reise nach Jerusalem" in der KH-Nord-Affäre weiter: Viele der bisherigen Zeugen zeigten mit dem Finger auf Janßen, Janßen zeigt nun auf Wehsely. Ob noch jemand übrig sein wird, auf den Wehsely zeigen kann, wenn sie der Untersuchungskommission Rede und Antwort stehen muss - darüber lässt sich nur spekulieren.