Wien. Mückenschwärme tänzeln in der Luft. Es ist stickig und trocken. Staub und Autoabgase hängen wie Nebel über dem Areal. Johannes Wahl hockt auf seinem Skateboard, die Beine im Schneidersitz verschränkt. Zufrieden saugt er an einer Zigarette. Drei Meter weiter donnern hinter einer schmalen Blechwand im Sekundentakt Autos und Lastwagen über die Südost-Tangente. Irgendwie hat die Szenerie einen Hauch von Endzeit.

Sprayer haben die angrenzenden Baucontainer mit Slogans verziert, die Blätter der Büsche sind mit einem dünnen, schwarzen Film aus Teer und Dreck überzogen, mickrige Birken ranken aus Asphaltritzen. Natur und Schmutz sind zu einer seltsamen Einheit verwachsen. Blechern treibt eine leere Bierdose über den Straßenbelag. Bagger und Walzen nivellieren ein Schotterareal neben der benachbarten Parkgarage - Baustellenlärm dröhnt. Alte, morsche Holzpaletten wurden notdürftig zu klapprigen Sitzgelegenheiten zusammengezimmert. Überall liegen Ziegel, Steine und alte, ausgehärtete Betonblöcke. Doch es gibt auch neuen, flüssigen Beton. Eine überschaubare Gruppe von Skatern hat sich hier einen eigenen Skatepark geschaffen, sie nennen ihn "Spoff".

Bauen dort, wo sie niemanden stören


Wie Pizzateig haben sie die zähflüssige Masse in Eigenregie zu Ramps, Quaters, Bumps und Pools geformt. Tonnenweise wurden Zement und Sand angekarrt und langwierig per Hand vermischt. "Do it yourself" (D.I.Y.) lautet die Devise. Die entstandene, wellige Fläche ist bunt bemalt. Sie wirkt wie ein Fremdkörper im trostlosen Grau des Autobahnkreuzes. Johannes Wahl schnippt den Zigarettenstummel weg, hüpft auf sein Board und stößt sich mit dem rechten Fuß langsam ab. Geschmeidig gleitet er über den Asphalt. Der 39-Jährige ist ein Urgestein der Wiener Skateboard-Szene. Seit 1987 kennt er sie in und auswendig. "Dass wir nun selbst Hand anlegen, hat viel mit der Unfähigkeit der Stadt zu tun, aber auch mit unserer eigenen", sagt er. Aber dazu später.

Seit einiger Zeit schießen in Wien illegal gebaute Skateparks wie Pilze aus dem Boden. Die Skater suchen sich abgelegene Plätze, an denen sie möglichst niemanden stören, und beginnen zu bauen. Unter Autobahnbrücken oder auf dem stillgelegten Nordbahnhof, wo die ÖBB kürzlich einen D.I.Y.-Park dem Erdboden gleichmachten. Markus stand am nächsten Tag - das Skateboard unter den Arm geklemmt - völlig fassungslos vor einer planierten Erdfläche. Er und seine Freunde haben den Park in monatelanger Kleinarbeit mühevoll aufgezogen. Nun wurde er ohne jeglichen Dialog mit den Skatern an nur einem einzigen Morgen weggeschoben.

Dabei waren alle Beteiligten begeistert, die Anrainer solidarisierten sich mit den Skatern und auch der Wirt des angrenzenden Wirtshauses "Alm" lobt ihr Engagement: "Das war eine super Geschichte, was die da vollbracht haben. Lauter nette Burschen. Das Abreißen hat dann nur eine Stunde gedauert. Wirklich schade darum." Oft kamen sogar Eltern mit ihren Kindern, um sie im Park spielen zu lassen.

Von der Gstätten zur Sportstätte


Im Grunde werten solche Eigeninitiativen Plätze und Räume auf. "Das war eine hässliche Gstätten, regelmäßig fuhren Leute mit Minivans vor und luden Sperrmüll ab. Seit wir dort waren, ist das immer seltener geworden", sagt Markus. Vor dem Baustart müssen Müll und Schrott entsorgt, Glassplitter weggekehrt und Dreck beseitigt werden. Finstere, trostlose Gegenden verwandeln sich in belebte, gut frequentierte Sportstätten, ohne der Stadt auch nur einen Cent zu kosten.

Im Fall des Parks am ehemaligen Nordbahnhof zeigte sich die ÖBB absurderweise erst nach dem blitzartigen Abriss gesprächsbereit. "Man wollte sich erst einmal rechtlich absichern, da es keine Genehmigung von der Stadt gab", heißt es von Seiten der Bahn. Eine Einigung mit den Skatern konnte bisher nicht gefunden werden. Die ÖBB wollen Miete, die diese aber nicht aufbringen können. Jutta Kleedorfer - Projektkoordinatorin für Mehrfach- und Zwischennutzung der Stadt - hat sich mittlerweile dazwischengeschaltet und vermittelt zwischen den Fronten.

Solche Eigeninitiativen liegen ihr besonders am Herzen: "Die Stadt kümmert sich oft zu sehr um ihre Bürger, sie ist ihnen Mama und Papa zugleich und übersieht, dass sie sie damit auch hemmt. Sie sollte mehr zulassen. Selbstverantwortung muss gefördert werden." Den ÖBB will sie zu verstehen geben, dass man aus dem D.I.Y.-Projekt am Nordbahnhof kein Kapital schlagen kann. "Man sollte die vielversprechenden Initiativen junger Leute aus anderen Gründen unterstützen", sagt sie. Derweil liegt die Fläche wieder brach, Sperrmüll kann wieder entsorgt werden.

Der älteste Treffpunkt der Skater


Unter der Reichsbrücke auf der Donauinsel haben sich an die zwanzig Skater versammelt. In kleinen Grüppchen hocken sie gut verteilt herum, trinken Dosenbier, lachen, drehen ab und zu Runden mit dem Skateboard. Manche fahren mit nacktem Oberkörper, das Schild der Baseballkappe nach hinten gedreht. Immer wieder hallt das Klicken der aufkommenden Polyurethan-Rollen durch die Luft. Nach manchen, gestandenen Tricks applaudieren die Kollegen, nach gescheiterten fliegt auch schon mal ein Skateboard durch die Luft - gefolgt von wütendem Fluchen. Bernhard kommt einmal pro Woche unter die Reichsbrücke. Er reibt die lange Kante eines Betonsockels mit einem Stück Wachs ein, trinkt einen Schluck Wasser, überlegt sich den idealen Anfahrtswinkel. Konzentriert läuft er an, springt auf sein Board und rast los. Er "grindet" die Kante entlang und verlässt sie über drei anschließende Stufen mit einem schönen, hohen "Ollie", dem Basistrick des modernen Skatens. Ein Obdachloser beobachtet ihn mit leerem, unbeteiligtem Blick, bevor er mechanisch vom Tetra-Pack-Wein nippt.

Unter der Reichsbrücke auf der Donauinsel trifft sich die Wiener Skateboard-Szene schon seit mittlerweile mehr als 30 Jahren. - © Winterer
Unter der Reichsbrücke auf der Donauinsel trifft sich die Wiener Skateboard-Szene schon seit mittlerweile mehr als 30 Jahren. - © Winterer