Wien. Es ist 19 Uhr und die kleine Gruppe an ehrgeizigen Gründern versammelt sich in einer der Räume der Wirtschaftskammer Wien (WKW) in der Operngasse. Es ist die erste Runde der neuen Start-up-Akademie der WKW.

Helmut Naumann, Leiter der Wirtschaftspolitik der WKW, hält die einleitenden Worte. Er zeigt sich mit Anzug und Krawatte, der andere, Vortragender Daniel Cronin, ebenfalls. Auch Anzugjacke, auch weißes Hemd. Nur anders. Dass der Anzug längst wieder Einzug auch bei der jungen Generation an Wirtschaftstreibenden gehalten hat, ist längst bekannt. Zur Schau gestellter Schlapperlook trotz Reichtum ist in den hohen Rängen der Financiers schon längst wieder out. "Ich sehe aus wie ein Hipster", gibt Daniel Cronin selbst zu. Langer Bart, dunkle Hornbrille, gepflegtes Äußeres - ein mittlerweile geläufiger Look in der jungen innovativen Szene.

Der langjährige Mitarbeiter der WK, Naumann, ist aufmerksam. Er hält nicht nur einleitende Worte, sondern setzt sich anschließend selbst dazu, um zuzuhören. Er lacht, nickt zustimmend und freut sich. "Ich habe immer versucht, meine Neugierde zu behalten", so Naumann zur "Wiener Zeitung". Seit Jahren beobachte er die Dynamik der Gründungslandschaft. "Mir fällt seit Jahren auf, dass die Gründungen im Dienstleistungssektor stark in den persönlichen Bereich fallen. Ob das jetzt Ernährungsberatung, Farbtypberatung oder Pflegedienstleistungen sind, in Wien sind diese Gründungen die Masse."

Auch die Ideen der 17 ausgewählten Unternehmer in spe, die sich für die Start-up-Akademie beworben haben, fallen in diese Bereiche. Medizin über eine App, persönliche Reiserouten im Netz, Leitfaden für Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder alternative Energiegewinnung sind ein paar der genannten Einfälle, die nun umgesetzt werden wollen. Die angehenden Gründer haben gemeinsam, dass sie mit ihren Ideen "endlich" eine eigene Firma gründen wollen. Was sie dafür brauchen, um ihr Start-up möglichst erfolgreich starten zu können, lernen sie in sechs Workshops zu den Themen Start-up-Grundlagen, Ideenphase, Konzeptphase, Finanzierungsphase, Go-to-Market-Phase und Rechtliche Fragen.

"Viele haben das Unternehmergen", sagt Naumann, "sie glauben an ihre Ideen und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand." Die Entwicklungsgeschichte der Etablierten, die sich Studenten mit guten Ideen holen, werde nun damit ergänzt, dass der Markt gezielt nach jungen, innovativen Firmen durchforstet wird. "Die Firmen brauchen neue Denkweisen, um überleben zu können", sagt der WKW-Mitarbeiter. Neu sei, dass viele Gründer heute wissen, dass eine gute Planung die halbe Miete ist. Es stecke mehr Vorbereitung und damit ein höherer Grad an Professionalisierung dahinter.

Keine neuen Sparten oder Fachgruppen

Ob es aufgrund der innovativen Start-ups auch neue Sparten oder Fachgruppen in der Kammer braucht, beantwortet Naumann mit Nein. Die Diskussion drehe sich weniger um neue Fachgruppen, sagt er. Denn das, was die jungen Gründer von heute machen würden, sei nicht fundamental anders als bisher. Schlussendlich habe man noch jedes Start-up in eine traditionelle Sparte einreihen können. Es gehe vielmehr darum, die Bedürfnisse der jungen Generation wahrzunehmen.

"Die Jungen sind immer viel kritischer gegenüber Institutionen als ältere Menschen", sagt Naumann. "Ich bin für einen aufrichtigen Dialog. Manchmal ist es aber natürlich schmerzhaft, wenn sich Altes verändert und die Neuen kommen."

Daniel Cronin von der Plattform AustrianStartups, gibt sich neutral. "Kooperation wäre übertrieben, aber ja sie haben uns gefragt und klar, wir machen mit", sagt er und legt auch gleich los. Er schenkt den angehenden Unternehmern nichts. "Wir sind beliebt, modern und cool. Aber wer glaubt, da geh ich hin, mach was und dann bin ich superreich, hat sich geirrt." Ein Start-up bedeute beinharte Arbeit, mit wenig Geld und ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Man brauche eine neuartige Idee und Geschäftsmodell.

Begierig nach neuen Ideen, Innovationen, Impulsen, sind die alten großen Flaggschiffe, die traditionsreichen Konzerne, die sich in einer hochtechnologisierten Welt immer schwerer tun. Auch die WKW ist ein traditionsreiches Unternehmen und will das alte, verstaubte Fotografie-Geschäft und den alten Greißler ebenso unterstützen wie die jungen Gründer, die derzeit mehr als beliebt sind. Das weiß auch Cronin: "Ich muss zugeben, es ist ein Hype rund um uns." Eine Kultur des Scheiterns zu schaffen, darüber zu sprechen und sich selbst nicht als Versager zu fühlen, wird laut Cronin eine der großen Herausforderungen in den nächsten Jahren sein.

Und so gibt es mittlerweile große Unternehmer, die einen neuen Weg in der Arbeitswelt aufzeigen wollen, wie Thomas Sattelberger, Ex-Deutsche-Telekom-Vorstand. "Was wir brauchen, sind Arbeitskulturen, in denen die vorhandenen und neuen Talente den Freiraum finden, zu testen und zu experimentieren, um so über den Prozess des Scheiterns den Weg zum Erfolg zu entdecken", sagte er vor kurzem in einem Interview mit der "Wiener Zeitung".