Das Feministische Street Art Kollektiv Wien hat Spaß bei der Arbeit. - © Stanislav Jenis
Das Feministische Street Art Kollektiv Wien hat Spaß bei der Arbeit. - © Stanislav Jenis

Wien. Es ist ein regnerischer Morgen. Im Hof des Alten AKH in Wien wird ein kleiner Plastikpavillon aufgebaut. Unter der dünnen Plastikplane steht Natalie S. Sie schüttelt eine Dose mit Sprühaufsatz, man hört das charakteristische Knacken, dann ein Zischen.

"Riecht schon gut", sagt Natalie lächelnd, während sie die rote Farbe aus der Spraydose entweichen lässt und der stechende Geruch sich in die Luft legt. Die 26-jährige Studentin ist Mitglied des Feministischen Street Art Kollektivs Wien. Sie versieht heute Schallplatten mit politischen Slogans. "Feminist Killjoy", übersetzt "feministische Spaßverderberin" lautet der lakonische Spruch auf einer Platte, "Riot" steht auf einer anderen. Das Feministische Street Art Kollektiv Wien besteht seit August vergangenen Jahres, Natalie ist seit Anfang 2015 dabei.

Bei einem Workshop ist die Comic-Begeisterte dazugestoßen. Das Kollektiv hat einen "harten Kern" von fünf Leuten, die bei den meisten Treffen auftauchen, wie sie erklärt. Es besteht darüber hinaus aber noch aus einigen im Umfeld, die je nach Zeit vorbeischauen.

Mehr als nur Graffiti

"Street Art", das ist im Gegensatz zu Graffiti nicht ausschließlich das möglichst kunstvolle besprühen von Wänden. Bei Street Art darf man auch zu vorgefertigten Schablonen, sogenannten "Stencils", greifen, aber auch Plakate an die Wand kleistern, sogar Sticker zählen dazu.

"Graffiti ist per se politisch. Dadurch, dass oft auf private Flächen gesprüht wird, stellt es Eigentumsverhältnisse infrage. Viele, die Graffiti sprühen, haben aber nicht unbedingt einen politischen Anspruch in dem Sinne, dass sie eine politische Aussage treffen wollen", sagt Brigitte T. Sie ist Gründungsmitglied des Kollektivs und kümmert sich um das Organisatorische, sucht um Förderungen an. Vor Treffen ruft sie die Telefonliste durch. Im Feministischen Kollektiv gehe es aber gerade um politische Aussagen. Eine der ersten Aktionen fand vergangenes Jahr im Arne-Carlsson-Park statt. Dort verzierten das Kollektiv beispielsweise eine Wand mit einem Porträt einer jungen Frau; daneben war zu lesen: "My body my rules" - mein Körper, meine Regeln.

Mittlerweile ist von dieser Aktion kaum mehr etwas zu sehen, ein in Fetzen hängendes Plakat und Teile der Graffiti kann man noch finden. "Egal, was man im öffentlichen Raum anbringt, es muss einem klar sein, dass es sehr kurzlebig ist", sagt Brigitte. Trotzdem geht sie davon aus, dass feministische Street Art etwas schneller verschwindet als bloße Namenskürzel von Künstlern. Die Graffiti-Szene sei einfach "mackermännlich" dominiert, wie sie sagt. Das ist wohl auch nicht zuletzt ein Grund für die Entstehung des Kollektivs.

Männer- und Frauenräume

"Männer nehmen sich viel Platz im öffentlichen Raum", meint Natalie dazu. Das Kollektiv habe den feministisch-linken Anspruch, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln, sagt Brigitte. Genauer gesagt: "FLIT-Personen", also Frauen, Lesben, Intersexuelle sowie Transmänner und Transfrauen. Lediglich Cis-Männer - Männer, die sich auch als solche und nicht etwa als transsexuell, transgender oder intersexuell definieren - sind nicht bei allen Veranstaltungen willkommen. Vor dem Hintergrund, dass es genug Räume und Veranstaltungen gebe, die nur Männern offen stehen, sei das wichtig, sagt Brigitte. "Die werden gar nicht als Männerräume verstanden, weil es so selbstverständlich ist, dass es solche Räume gibt." Je nach Thema gibt es aber auch für Männer offene Veranstaltungen.

Das Kollektiv gibt neben ihren Arbeiten im öffentlichen Raum auch Hefte heraus, die sich etwa mit öffentlichem Raum und Belästigung von Frauen beschäftigen - nicht zufällig: Brigitte hat ihre Masterarbeit im Fach Gender Studies geschrieben. Zum Feminismus selbst sind die Frauen schon vor langem gekommen.

Sophie H. ist heute als neues Mitglied zum ersten Mal dabei. In ihrer Familie habe Feminismus schon Tradition wie sie sagt. Ihre Mutter bezeichnet sich ebenfalls als Feministin, ihre Tante war in den 70ern in der Hausbesetzerszene aktiv. Dem Kollektiv ist es wichtig, nicht nur in Wien Interessierte anzusprechen, sondern auch internationale Kontakte zu pflegen. Vor einigen Wochen luden sie die britische Künstlerin S.o.S. ein, die am Donaukanal ein Stencil sprühte.

Im nächsten Semester will die Gruppe mit ihr und anderen Künstlerinnen eine Vortragsreihe gestalten. Inzwischen ist die Gruppe auf der Suche nach einem Raum, in dem sie auch in der kalten Jahreszeit sprayen kann. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus, vor allem weil die finanziellen Möglichkeiten des Kollektivs begrenzt sind, die meisten Projekte werden über Förderungen der Österreichischen Hochschülerschaft finanziert. Getragen wird das Kollektiv aber von einer politischen Meinung und künstlerischem Tatendrang. Zumindest davon scheint auf jeden Fall ausreichend vorhanden zu sein.