Katharina Mandnerscheid. - © Universität Luzern
Katharina Mandnerscheid. - © Universität Luzern

Wien. Für die Schweizer Soziologin Katharina Manderscheid, eine der Referentinnen beim derzeit laufenden Stadtforschungsfestival Urbanize in Wien, sind die besten Zeiten des Automobils vorbei. Zumindest in den Städten Europas und der USA. Wie sich dieser "Peak Car" auf die Gesellschaft auswirkt und welche Vorteile und Gefahren dadurch entstehen, erklärt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Sie sprechen in Ihrem Vortrag von Peak Car, also - nachgebildet dem Begriff Peak Oil - dem Moment, an dem das Maximum an Automobilen verkauft und benützt wurde. Ist dieser Punkt tatsächlich erreicht?

Katharina Manderscheid: Wir sehen derzeit überall in der westlichen Welt - erstaunlicherweise auch in den USA - eine Stagnation beziehungsweise einen Rückgang des Autoverkehrs und der Kfz-Zulassungen. In einigen Städten - etwa in London - wurde der Peak Car bereits Ende der 1990er Jahre erreicht. Anderswo ist dieser Trend zwei, drei Jahre alt. Auch die Führerschein-Ausstellungen gehen zurück.

Wie kam es denn dazu?

Es spielen wohl mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen ökonomische Gründe. Viele Menschen können sich ein Auto nicht mehr leisten, weil die Benzinpreise gestiegen sind, weil die Wirtschaftskrise die Einkommen vermindert hat oder Kfz-Versicherungen für Fahranfänger verteuert wurden. Zum anderen wächst die Stadtbevölkerung: Junge Menschen, einkommensstarke Paare ohne Kinder, aber auch ältere Leute, deren Kinder aus dem Haus sind, ziehen heute gerne in die Stadt zurück. Und dort gibt es reichlich Alternativen zum eigenen Kfz. Schließlich beobachten wir bei den 18- bis 30-Jährigen eine Werteverschiebung: Es ist wichtiger ein Smartphone zu haben als ein Auto.

Und wie erklärt sich diese Werteverschiebung?

Der Besitz eines Fahrzeugs ist oft teuer und unpraktisch. Da eignet sich das Smartphone vielleicht besser als Statussymbol. Außerdem ist - entgegen der gängigen Haltung - die Geschichte des Automobils nicht eine logische Folge dessen, dass die Menschen lieber Auto fahren als Straßenbahn. Im Gegenteil: Ursprünglich lehnten die Menschen Autos massiv ab. Es hat eines gewaltigen Lobbyings und politischer Entscheidungen bedurft, damit sich das Auto durchsetzen konnte. Straßenbau und Förderinstrumente wie Pendlerpauschale, Wohnbauförderung oder Stellplatzverordnungen haben bewirkt, dass viele Menschen heute ihr Leben rund um das Auto planen.