Warum reisen Menschen in den angeblich schönsten Wochen des Jahres an einen anderen, oft weit entfernten Ort, um sich dort beim Bestaunen von Palästen, Hütten oder Ruinen zu ermüden? Warum geben sie viel Geld dafür aus, um in den hintersten Winkeln des Planeten vor rätselhaften Steinhaufen, zerbröselndem Gemäuer und luftgetrockneten Lehmziegelagglomerationen andächtig Kulturinteresse zu zele-brieren?

Das Warten gehört zum Besuch einer Sehenswürdigkeit - nicht nur am Taj Mahal. - © Foto: epa/Franck Robichon
Das Warten gehört zum Besuch einer Sehenswürdigkeit - nicht nur am Taj Mahal. - © Foto: epa/Franck Robichon

Keine Studienreise ohne Besichtigungen, keine Bildungsfahrt ohne das Auffädeln von Objekten, deren Besuch Ansehen verleiht, weil sie in der einschlägigen Literatur als des Ansehens wert gepriesen sind. Neapel sehen und sterben, das war einmal. Darauf war Goethe reduziert. In Zeiten ungebremster Beschleunigung, billiger Transportmittel und gewerkschaftlich erkämpfter Urlaubstage sind die Destinationen in die Ferne gerückt: Taj Mahal und Pyramiden, Sansibar und Samarkand, letztes Jahr Timbuktu, heuer vielleicht New York.

Kulturreisende - das sind gestresste Wohlstandsbürger, die in hart verdienten Urlaubstagen die hart verdienten Gelder in lokalen Ökonomien in Umlauf bringen. Wenn Autobuskolonnen die Reisegruppen ankarren, wenn Hundertschaften durch Auftreten und Outfit Freizeit signalisieren, wenn alle zur selben Zeit am selben Ort Bildungsbeflissenheit demonstrieren und schwitzend und schwärmend dieselben Monumente fotografieren - dann ist Ferienzeit in den Industrienationen.

Touristen-Fleiß

Wie Jürgen Habermas und Hans-Magnus Enzensberger schon in den fünfziger Jahren diagnostizierten, wird im Urlaub das Arbeitsverhalten wiederholt. Freizeit stehe "unter dem gesellschaftlich notwendigen Diktat der Arbeit" (Habermas). Im Gepäck sind die Werte der Leistungsträger, da wird in angemessener Kleidung mit angemessenem Ehrgeiz abgearbeitet, was im Berufsalltag auf der Strecke bleibt: Kultur. "Der Tourismus ist das Spiegelbild der Gesellschaft, von der er sich abstößt" (Enzensberger).

Warum fotografieren Touristen noch einmal das bereits tausendfach Fotografierte, das sie auch im Reiseführer finden und aus dem Internet herunterladen könnten? Warum halten sie in Sekundenschnelle mit Handy- und Klickkameras fest, was vor ihnen Professionelle bei besten Lichtverhältnissen mit viel Zeit- und Sachaufwand in Szene gesetzt haben?

Sie nennen es Kultur.

Eine Sehenswürdigkeit ist, was von einer Instanz zu einer solchen ernannt wurde. Weitere Instanzen krönen das erwählte Objekt zur Ausnahme, indem sie ihm das typografische Zeichen eines hochgestellten Sternchens aufsetzen, respektive eine Mehrzahl davon, ein System, das die Welt Baedeker zu danken hat. Eine solche Asteriskisierung (=Sternvergabe) spiegelt die gängige Praxis wider, Dinge durch zähl-, mess- und wägbare Kriterien der Wertung in ein hierarchisches System zu pressen, um dann ein ausgewähltes Objekt an die Spitze einer Bestenliste stellen zu können, hinter dem alle anderen gleichartigen eingereiht sind.

Sehenswürdigkeiten sind nicht, sie werden gemacht. Dazu werden sie um die Welt geschickt, die Objekte selbst werden mobilisiert. Denn es reisen nicht nur Touristen, sondern auch Kulturen, Orte, Dinge. Die Sehenswürdigkeiten gleiten über den Globus, denn sehenswert ist, was häufig fotografiert, häufig beschrieben und häufig abgebildet wird. Durch die vereinten Bemühungen von Vervielfältigungsexperten, durch Maler, Schriftsteller, Fotografen, Filmemacher, Journalisten, Tourismusmanager, durch mediale Vermittlung und Kommunikationstechnologien bleiben die Sehenswürdigkeiten nicht an einer Stelle, sondern treten überall auf und lassen sich überall nieder, in einer Art "Zeit-Raum-Kompression" (David Harvey).

Verlust der Einzigkeit

Durch Präsenz an vielen Orten werden die Sehenswürdigkeiten dem Betrachter zu etwas Vertrautem, verlieren ihre Fremdheit. Die massenhafte Reproduktion des immer Gleichen oder sehr Ähnlichen bedeutet einen Verlust der Einzigkeit - von Walter Benjamin als Zertrümmerung der Aura beklagt. Den Kabarettisten Helmut Qualtinger inspirierte sie zur Kleinkunst: "Die meisten sogenannten Sehenswürdigkeiten sind vom vielen Hinschauen schon ganz abgenutzt".

Zugleich aber sakralisiert das viele Hinschauen, "der touristische Blick" (John Urry), die vielen Abbildungen durch Reiseführer, Postkarten, Hochglanzbroschüren, Kataloge, Filme, Fernsehserien, Werbung, Inserate, Plakate, Zeitungsberichte jedes Mal aufs Neue das Objekt. Was einmal als Ausnahme klassifiziert und mit "Sternen" hervorgehoben wird oder das Etikett "Weltkulturerbe" trägt, dessen Status als Sehenswürdigkeit wird durch jeden weiteren Besucher und jede weitere Repräsentation erneut beglaubigt. Sakralisierung passiert auch durch Wiederholung, respektive, die stete Wiederholung bestätigt die Sakralisierung.

Sehenswürdigkeiten existieren also nicht für sich alleine genommen, sondern nur in der Auslegung ihrer Vermarkter, in der Wahrnehmung ihrer Betrachter, sie sind konstruiert, mindestens re-interpretiert, wenn nicht überhaupt erfunden. Deswegen sind beim Kabarettisten Qualtinger die Sehenswürdigkeiten "sogenannt".