Der Philosoph auf einer historischen Radierung mit französischen Vornamen. - © Wikimedia Commons
Der Philosoph auf einer historischen Radierung mit französischen Vornamen. - © Wikimedia Commons

"Beweise in der Gottesfrage zu entwickeln, an der Harmonie der Welt teilzuhaben, den Aufbau des Universums und die Naturgesetze einigermaßen zu erkennen, den eigenen Willen zu beherrschen und den Willen anderer Menschen zum Guten zu beeinflussen, das muss man unter die höchsten Güter des irdischen Lebens rechnen", schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz in der 1695 publizierten Schrift "Protreptikos".

Der Philosoph, Jurist, Diplomat, Religions- und Sprachwissenschafter, Historiker, Mathematiker, Physiker und Ingenieur verstand seine umfassende wissenschaftliche Tätigkeit als einen Beitrag, die Lebensbedingungen der Menschen zu perfektionieren. Neben seinen philosophisch-metaphysischen Werken formulierte er den Energieerhaltungssatz der Mechanik, entdeckte die Infinitesimalrechnung, entwickelte eine Rechenmaschine und entwarf eine symbolische Logik, die Erkenntnisse der Computerwissenschaften vorwegnahm.

Leibniz machte sich Gedanken über den Bergbau, die Schifffahrt, die Wasserversorgung und die Feuerwehr; er interessierte sich für die Seidenraupenzucht und initiierte ein Windmühlenprojekt im Harz. Seine rastlose Tätigkeit kannte nur ein Ziel: Harmonie zu stiften, um somit die beste aller möglichen Welten zu realisieren.

Ein gehemmter Mann

Geboren wurde Gottfried Wilhelm Leibniz am 1. Juli 1646 als Sohn eines Professors für Moral und Rechtswissenschaften in Leipzig. Mit 15 Jahren besuchte er bereits die Leipziger Universität, wo er Rechtswissenschaft und Philosophie studierte. Leibniz, nach Beschreibungen seiner Zeitgenossen ein "kleingewachsener, schüchterner, durch einen Sprachfehler gehemmter Mann, von schwächlicher Konstitution, kränklich, mit einem taubeneigroßen Gewächs im Nacken versehen, das er mit einer riesigen Allonge-Perücke verdeckte", verließ Leipzig und promovierte mit 20 Jahren in Altdorf bei Nürnberg zum Doktor der Rechte. Bald darauf trug man ihm eine Professur an, die er jedoch ablehnte. Er hielt es "für einen jungen Mann unwürdig, wie angenagelt an der Scholle zu haften, mein Geist brennt vielmehr vor Begierde, größeren Ruhm in den Wissenschaften zu gewinnen und die Welt kennenzulernen."

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Leibniz auch politisch aktiv. Auf Grund verschiedener Empfehlungen trat er in den Dienst des geistlichen Kurfürsten von Mainz, Johann Philipp von Schönborn, der im politischen Leben der damaligen Zeit eine wichtige Stellung einnahm. Als Gesandter nützte Leibniz alle Möglichkeiten, seine Vorstellungen über die Aufgaben eines Beraters in die Praxis umzusetzen.

Seine politischen Ambitionen führten ihn auch nach Paris, wo er die Gelegenheit nützte, führende Wissenschafter und Philosophen seiner Zeit kennenzulernen. Er erlangte eine genaue Kenntnis der cartesianischen Philosophie, die er kritisch kommentierte. "Zu meinen Glücksfällen" - bemerkte er - "gehörte es, dass ich mit Descartes erst relativ spät in Berührung kam, zu einem Zeitpunkt, als mein Geist schon von tausend eigenen Gedanken voll war".

Unterbrochen wurde der vierjährige Aufenthalt in Paris durch eine Reise nach London, wo Leibniz mit Mitgliedern der Royal Society über mathematische und philosophische Problemstellungen diskutierte. Vor seiner Rückkehr nach Deutschland besuchte er noch den in Holland lebenden Philosophen Baruch Spinoza. Für Leibniz war die persönliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Gelehrten von größter Bedeutung; aber auch die schriftliche Korrespondenz nahm einen wichtigen Stellenwert ein; rund 75.000 Schriftstücke und 15.000 Briefe sind erhalten.

Im Zentrum der philosophischen Schriften von Leibniz stand die Harmonie. "Wie für Gott muss für menschliches Handeln die größtmögliche Vollkommenheit und Harmonie das oberste Handlungsziel sein", schrieb er. Leibniz war überzeugt, dass die Weltordnung nicht verstanden werden kann, ohne eine Harmonie des Alls anzunehmen, die Gott begründet hatte.

Diese metaphysische Grundvoraussetzung, die er als gläubiger Christ von Jugend an vertrat, bezeichnete Leibniz als "prästabilierte Harmonie". Sie organisiert das Zusammenspiel aller Lebewesen und regelt auch die Beziehung zwischen Leib und Seele. In Übereinstimmung mit zahlreichen philosophischen Zeitgenossen ging Leibniz davon aus, dass Seele und Körper zwei getrennte Entitäten seien, die nicht aufeinander einwirken könnten. Er verglich sie mit zwei Pendeluhren, die vollkommen miteinander übereinstimmen. Um dies zu ermöglichen, bedarf es eines genialen Konstrukteurs, der den Gleichklang der Uhren ermöglicht. Setzt man an die Stelle der beiden Uhren Seele und Körper, wird diese Übereinstimmung - die "prästabilierte Harmonie" - durch Gott gewährleistet.

Die Monadenlehre

Leibniz geht davon aus, dass es Bausteine dieser "prästabilierten Harmonie" gibt, letzte, unzerstörbare Einheiten, die ewigen Gesetzen gehorchen. Er nennt diese Bausteine "Monaden". Eine Monade ist für Leibniz eine einfache Substanz, ein in sich abgeschlossener Mikrokosmos, der jedoch nicht - wie das Atom - als materielle Einheit zu verstehen ist. An die Stelle des toten und kraftlosen materiellen Punktes tritt ein Ich- Punkt, ein seelisch-geistiges, mit einem intensiv mannigfaltigen Eigenleben ausgerüstetes Kraftwesen, das das gesamte Universum widerspiegelt. Daraus folgert Leibniz, dass die gesamte Welt belebt und beseelt sei. "Es gibt im Universum nichts Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes".