Welcher Teufel reitet die Europäische Union, gegen eines seiner kleinsten, friedlichsten und unauffälligsten Mitglieder moralisch mobil zu machen?

Die Kritiker der EU raufen sich die Haare, so läppisch und unbedacht erscheint ihnen das Verhalten der Vierzehn. Diese dagegen meinen es ernst mit ihrer moralischen Missbilligung. Sie verweisen auf nationalistische, rassistische, fremdenfeindliche Äußerungen Haiders, die es unannehmbar machten, dass seine Parteifreunde Regierungsverantwortung übernehmen. Während die einen die Schuld für das Dilemma der EU bei dieser selbst sehn, schauen die andern auf Haider-Österreich als den Schuldigen. Weder der eine noch der andere Blick erfasst die gegenseitigen Abhängigkeiten und das Wechselspiel, die hier vorliegen. Während die Beteiligten sich auseinandersetzen, hängen sie zusammen. Für diesen Zusammenhang, der den Beteiligten in der Regel verborgen bleibt, hat der Volksmund einen Begriff: den Sündenbock.

Er geht auf ein uraltes jüdisch-babylonisches Ritual zurück, in dem ein Tier in die Wüste gejagt wird, nachdem ihm der Priester durch Handauflegen die Sünden des Volkes übertragen hat. Mag das Ritual in modernen Gesellschaften verloren gegangen sein, der Mechanismus ist geblieben: Die eigene Gruppe wird von den Kräften des Bösen befreit, wenn sich ein Opfer findet, das diese auf sich zieht und mit ihnen verjagt wird. Besonders eine Gesellschaft in der Krise braucht den Sündenbock: mit ihm vertreibt sie den vermeintlichen Urheber des Übels. Oft haben die Juden für diese Rolle herhalten müssen.

Europa ist nicht in der Krise. Es ist im Werden. Aber die Vorgänge, in denen es entsteht und sich wandelt, haben mit Krisen eines gemein: Sie steigern Unsicherheiten und Ungewissheiten. Als Europäer wissen wir nicht, was wir als das gemeinsame Gute hochhalten und was wir als böse verdammen sollen. Wir wissen nicht, wer im Hinblick auf eine gemeinsame Moral zu uns gehört und wer nicht. Wir wissen nicht, ob europäische Einheit und Macht auf gemeinsamen Interessen oder auf geteilten moralischen Gefühlen beruhen. Und noch weniger wissen wir, wie das alles in Zukunft sein soll.

Diese Ungewissheiten reduzieren wir weniger durch programmatische Entscheidungen als durch ein tastendes Sammeln von Erfahrungen im Versuchs-Irrtums-Lernen. Europa bildet sich durch Lernen. Gelernt wird in dialektischen Prozessen, die unsern Wunschbildern zuwider laufen: Was das gute Europa ist, erfahren wir nicht durch das Gute, sondern durch das Böse. Wen Europa einschließt und einschließen wird, lernen wir, indem wir ausschließen. Ob Europa von mehr und tieferen Kräften getrieben wird als von kalkulierten Macht- und Wirtschaftsinteressen, erfahren wir durch gemeinsame moralische Entrüstung.

Der Sündenbock steht für das, was ein Kollektiv nicht sein will: das Böse, das Ausgeschlossene, das Irrationale. Er markiert die moralischen, räumlichen und rationalen Grenzen der Gruppe. Deshalb bedient sich Europa, auf der Suche nach seiner Identität, also nach seinen Grenzen, des Sündenbocks. Es schafft sich nicht nur seine Sündenböcke, sondern erschafft sich durch diese selbst.

Europas Sündenböcke heute reichen von den faschistischen und stalinistischen Diktaturen über die südafrikanische Apartheid, den Fundamentalismus der Mullahs, Ghaddafi und Hussein bis zu Milosevic und Haider. Sind dies nicht eher Feindbilder als Sündenböcke? Der Übergang ist fließend. Wer von Feinden redet, meint das Fremde, ganz Andere, Äußere. Darin den Sündenbock zu sehen, heißt dagegen, es als Teil der eigenen - europäischen, westlichen, weltbürgerlichen - kollektiven Existenz zu begreifen. Das Böse liegt nicht in den von uns betrachteten Personen, sondern entsteht in unserer Beziehung zu ihnen. Es liegt im Auge des Betrachters: Durch unseren Blick transportieren wir das Böse von uns zu ihnen. In dem Maße, in dem wir es ihnen ansehen, befreien wir uns davon. Wir befreien uns durch unseren bösen Blick. Unsere Befreiung bewirkt ihre Belastung.

Das in Relation von uns zu ihnen entstehende Böse ist eine relative Größe. Es hängt nicht nur von ihnen ab, sondern auch von uns. Je besser wir werden, umso schlimmer für sie. Je besser wir werden, desto höher die Maßstäbe des Guten, die wir anlegen. Je höher die Maßstäbe der guten Gesellschaft, desto mehr werden in ihr schon kleinste Vergehen als große Verbrechen angesehen. In der Produktion des Diabolischen ist jede Gesellschaft autonom. Keine Abweichung von der Normalität ist ihr zu nichtig, um sie nicht als bedrohlich und teuflisch wahrzunehmen. Und je besser sie als Gesellschaft sein will, desto kleiner die Nichtigkeiten, die sie zum Übel erklärt. Wer in einer Gesellschaft der Heiligen nur ein bisschen schneller arbeitet, länger betet oder kürzer angebunden ist, als es die höchsten moralischen Regeln vorschreiben, wird zum Außenseiter und Sündenbock.

Eine Gemeinschaft der Heiligen ist die Europäische Gemeinschaft zwar nicht. Aber angesichts des katastrophischen Afrika, des bigotten Amerika, des mafiösen Russland und des autoritären Asien - fühlen wir uns in der Mitte Europas nicht doch in der besten aller gegenwärtigen Welten, die es nur weiter aufzubessern gilt? Aus dieser Perspektive und diesem Anspruch gewinnen dann die fremdenfeindlichen und nationalistischen Töne Haiders, auch wenn es nur Töne und keine Taten sind, den Rang von Todsünden. Trotzdem ist schwer einzusehen, warum die EU gerade Haider-Österreich zu ihrem Sündenbock macht. Von außen gesehen, erscheint die EU ohnehin bereits als eine Festung mit einer einheitlichen Politik der Abwehr des Fremden. Und wenn man schon Unterschiede machen will: Äußert sich Hass gegen Ausländer in Deutschland, und neuerdings auch in Südspanien, nicht handgreiflicher, ja tödlicher als in Haiders Kärnten? Übertrifft nicht der Nationalismus von Franzosen und Engländern den der Österreicher bei weitem? Haben sich deutsche Spitzenpolitiker von Erhard bis Strauß nicht abfälliger über Künstler geäußert als Haider? Organisiert sich eine Stimmung gegen Europa nicht entschiedener und breiter in der Schweiz als in Österreich?