Trotz schwarzer Zahlen wurde die Mine 1974 geschlossen und die Insel dem Verfall preisgegeben. Niemand besuchte sie, außer Fans von Ruinen, die sich heimlich hinschlichen und fotografierten. Erst seit 2009 ist Gunkanjima für Besucher geöffnet. Diese dürfen sich dort aber nur weniger als eine Stunde aufhalten. Sie müssen sich auf einem eingezäunten Weg bewegen, etwa 50 Meter entfernt von den maroden Bauten. An unserem Besuchstag spazierten Arbeiter zur Inspektion über die Mauer; Kräne waren aufgestellt. Immer wieder finden Ausbesserungsarbeiten statt. Die Natur fordert ihren Tribut. Den Mangel an Bewegungsfreiheit versüßt Kobata den Besuchern mit seinen Anekdoten. Er arbeitet seit einigen Jahren als Touristenführer bei "Gunkanjima Concierge", einem der größten Tour-Anbieter. Mit viel Charme und Witz führt er die Besucher in die Zeit vor 50, 60 Jahren zurück. Assistenten zeigen Kopien alter Schwarzweißfotos.

Damals, erzählt Kobata, mussten sich die Arbeiter vor der Schicht einer strengen Leibesvisitation unterziehen, damit keiner in die Versuchung käme, Zündholzer oder Tabak mitzunehmen. Das könnte eine Gasexplosion auslösen. Danach ging es, mit Helm und Stirnlampe auf dem Kopf, ab in den Schacht. "Er war 600 Meter tief, etwa so hoch wie der Tokyo Sky Tree", zieht Kobata den Vergleich zum Fernsehturm in Tokyo - mit 634 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt.

Diese Distanz legten die Arbeiter in einer Art Aufzug in nur drei Minuten zurück. "Weil das Gefährt keine Wände hatte, spürten wir den Winddruck. Es zerriss einem fast die Ohren, mir wurde schlecht. Als ich das Ding das erste Mal bestieg, bekam ich Panik", erinnert sich Kobata. "Unten angekommen dachte ich, vorne an der Hose ist es doch ein wenig feucht geworden", fügt er grinsend hinzu. Die Besucher kichern.

Weiter ging es mit Loren, die Kilometer lange Gänge entlangsausten, 30, 40 Minuten lang. Um die Batterie zu sparen, schalteten alle ihre Stirnlampen aus. Zum Schluss folgten einige Hundert Meter zu Fuß. Tief unter dem Meeresboden war es um die 35 Grad heiß, die Luftfeuchtigkeit betrug über 95 Prozent. "Sobald man unter Tage ging, lief einem nach nicht einmal 30 Minuten, selbst wenn man nicht gearbeitet hatte und nur still gestanden war, der Schweiß in Sturzbächen hinunter. Nach einer Stunde waren die Arbeitsklamotten klatschnass", erzählt Kobata. Überall am Körper klebte der Kohlestaub. Schwarz wie Bären seien sie nach ihrer Schicht gewesen.

Schottische Technologie

"Was glauben Sie, was wir gemacht haben, wenn wir uns 1000 Meter unter dem Meeresboden erleichtern mussten?", fragt Kobata in die Runde. Er weiß, wie er die Zuhörer bei der Stange hält. "Das Geschäft an Ort und Stelle verrichten", sagt eine Frau. Sie trifft ins Schwarze. Kobata imitiert die Scharrgeräusche einer Katze nach ihrer Toilette. So hätten sie es auch gemacht. Und dabei jedes Mal gehofft, dass die Hinterlassenschaften nicht eines Tages an die Oberfläche gelangen würden.

Kohle aus solchen Tiefen zu fördern, wurde in Japan erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank neuer Technologien möglich. Japan hatte sich 1853 nach über 200 Jahren Abschottung gegenüber der Außenwelt geöffnet. Nach der Meiji-Restauration, die die Samurai-Herrscher entmachtete und den Kaiser wieder einsetzte, modernisierte sich das Land in Windeseile. Bereitwillig importierte Japan Ideen und Fachkräfte.