Dass es ausgerechnet diese Meldung in den Chronikteil einer Tageszeitung schaffte, ist wohl nicht nur der hygienischen Übertretung geschuldet. Es war die Verunreinigung einer der köstlichsten Leibspeisen der Wiener, die die Empörung vervielfachte. Galt doch der Apfelstrudel als Inbegriff einer Wiener "Schmauserei". In der sich im Lauf des 19. Jahrhunderts herausbildenden, multinational und bürgerlich geprägten "Wiener Küche" spielte er eine zentrale Rolle, degradierte die durchaus nicht unwichtigen anderen Mehlspeisen beinahe zu Statisten. So war der renommierte Feuilletonist Paul Busson der Meinung, dass insbesondere an Sonntagen "der ausgezogene Apfelstrudel den Weihetag verherrlicht". Zweifellos gehörte er, wie Habs und Rosner in ihrem vielgerühmten "Appetit-Lexikon" über die Mehlspeisen vermerkten, zu den herausragenden "Pointen der Wiener Küche".

Und dann das: Ameisen und Apfelstrudel. Ein größerer Gegensatz lässt sich in der als "Stadt der Phäaken" apostrophierten Donaume-tropole kaum denken, wo die Leidenschaft für das Genießen und eine damit verbundene spezifische "Geschmackslandschaft" zum Markenzeichen geworden war. Ein vielschichtiger und spannender Prozess, den der Kulturwissenschafter Lutz Musner in einer Studie über das Wien um 1900 eingehend dargelegt hat. Spätestens seit damals avancierte der Apfelstrudel neben Sachertorte und Wiener Schnitzel zum fixen Bestandteil jener kulinarischen Trinität, die das Eigen- und Fremdbild der Stadt bis heute bestimmt.

Ein anderer, nicht weniger sinnlicher Aspekt spielte bei der großzügig angelegten Ringstraße eine Rolle: die visuelle Gestaltung und Verschönerung des Stadtbildes. Seit den 1850er Jahren wurde an der Riesenbaustelle gearbeitet, die auch nach der Jahrhundertwende noch keineswegs vollendet war. Allerdings war bereits eine große Zahl an "Sehenswürdigkeiten" zu bestaunen, wie
Raoul Auernheimer, bekannter Feuilletonist der "Neuen Freien Presse", feststellte. Aufmerksam registrierte er die Veränderungen der einstigen Kleinstadt, die so rasch "Carriere gemacht hat".

"Mascherln der
Straße"

Auf der Suche nach der neuen, nunmehr deutlich großstädtischeren Physiognomie erkannte er in Wien, im Unterschied zu Berlin oder Paris, eine gesteigerte Vorliebe für das Schauen. Auf der Straße blicke man sich hier merkbar öfter um, man lächle und habe eine Vorliebe, so Auernheimer, für das "Mascherl".

Ein Signet der Stadt: Blumenkörbe an den Lampenmasten am Opernring (um 1910). - © Archiv Payer
Ein Signet der Stadt: Blumenkörbe an den Lampenmasten am Opernring (um 1910). - © Archiv Payer

Letzteres war für Auernheimer gleichsam das Signet der Stadt, Inbegriff des Hangs zum Schönen und zum Verschönern - egal ob bei der Toilette der Frauen oder den besonders ins Auge springenden Blumenkörben an den Lichtmasten:

"Wien ist, außer Barcelona, hab’ ich mir sagen lassen, die einzige Stadt, in der die Beleuchtungsmasten mit Blumenkörben geschmückt sind. Bei Nacht wird es mit Licht beleuchtet, bei Tag mit Blumen. Und diese bunten, runden Körbe sind Gärten, winzige in die Luft gehängte Gärten, die sich hundertfach wiederholen, wenn man die Ringstraße hinunterblickt. Diese Körbe sind die Mascherln der Straße."

Auernheimer bezieht sich hier auf die hohen Masten der elektrischen Bogenlampen (aufgrund ihrer schneckenförmigen Ausleger "Bischofsstäbe" genannt), die an und für sich schon ästhetisch anspruchsvoll gestaltet waren und nun zusätzlich einen floralen Schmuck erhielten. Der war erstmals im November 1905 anlässlich des Besuchs des spanischen Königs Alphons XIII. an der Ringstraße und am Schwarzenbergplatz angebracht worden. Da die Blumenkörbe auch bei den Wienern großen Anklang fanden, wurden sie beibehalten - und beträchtlich vermehrt.