Wie sehr sie der Bevölkerung ans Herz gewachsen waren, lässt sich daran ersehen, dass ihre Aufstellung selbst nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs eine ungebrochene Fortsetzung erfuhr. Voll Stolz vermeldete man im von der Kommune herausgegebenen Städtewerk "Das Neue Wien", dass die Blumenkörbe an den Lichtmasten nunmehr wieder gefüllt und vermehrt würden. Ihre Zahl sei im Jahr 1926 auf insgesamt 83 gestiegen. Hoffnungsfroh blickte das "Rote Wien" den neuen Zeiten entgegen. Die Stadt mit der "ewigen Schaulust" (Stefan Zweig) hatte im Straßenschmuck ihren unverwechselbaren Ausdruck gefunden.

Eine Tradition, die bis heute anhält. So kann man sich in der Währinger Straße vor dem Café Weimar nach wie vor an einem Bogenlampenmast aus der Gründerzeit in originaler Farbgebung samt Blumenkorb erfreuen (eine Privatinitiative des Cafetiers zum hundertjährigen Jubiläum seines Lokals). Letztlich sind auch das in Mode gekommene urban gardening und die davon inspirierten blumengeschmückten Blechdosen an diversen Verkehrsmasten in diese Richtung zu interpretieren. Ein kleiner Stadtgarten in luftiger Höhe zur Freude und Repräsentation der Bevölkerung.

Biss-Spuren
der Hofpferde

Den dritten und letzten, im wahrsten Sinne eindrucksvollsten Hinweis auf eine typische Wiener Begebenheit verdanke ich dem Kunsthistoriker und Denkmalexperten Andreas Lehne. Er beschreibt in einem seiner Bücher ein Detail der Wiener Hofburg, an dem wohl nicht nur ich schon viele Male vorbeiging: Die Bissspuren der Hofpferde an einem Holzbalken in der Durchfahrtshalle des Leopoldinischen Traktes.

In dem zwischen Innerem Burghof und Heldenplatz gelegenen Raum waren über Jahrzehnte hinweg die vom Hof benötigten Reitpferde angebunden. Beständig knabberten die Rösser an jenem Querbalken, der dort die Fahrspuren trennt. Eine mehr oder weniger bewusste Geste des tierischen Wartens und Zeitvertreibs. Die Zahnabdrucke hinterließen markante Furchen und Rillen. Und sie hätten das Holz, so Lehne süffisant, wohl durchgebissen, wären nicht die Gründung der Republik und die Erfindung des Automobils dazwischengekommen.

Derartige kleine bis größere Möblierungselemente des Straßenraums aus dem Fin de Siècle sind gerade in Wien erstaunlich zahlreich erhalten. Insbesondere in der Ringstraßenzone, aber nicht nur dort; denken wir etwa an die alten, im historistischen Stil designten Pissoirs und Bedürfnisanstalten, an diverse Beleuchtungskörper und Umfriedungen bis zu den Kanaldeckeln und Pollern. Dass jedoch ausgerechnet die relativ anfälligen Holzstreben die Zeit überdauerten und von sämtlichen Umbauten, Krieg und Devastierung verschont wurden, grenzt beinahe an ein Wunder. Und so sind sie gerade in ihrer Unmittelbarkeit, wie Lehne betont, Denkmäler der besonderen Art als "die letzten im öffentlichen Raum präsenten Gebrauchsspuren, die vom Alltagsleben des Wiener Hofes geblieben sind".

Anhand der kleinen hölzernen Berge und Täler lässt sich der Verlauf der Zeit ertasten und die imperiale Vergangenheit der Stadt, in der Pferde noch ein prägendes Verkehrsmittel waren, auf einzigartige Weise erspüren. Vielleicht einmal ein unikales Objekt für das in unmittelbarer Nähe eröffnete Haus der Geschichte Österreichs? Jedenfalls ein Hands-On mit besonderer Aura, das uns weit in die Vergangenheit zurückzuführen vermag, und das gemeinsam mit dem nostalgisch verbrämten Klang der Fiakerpferde auf dem Kopfsteinpflaster als Signum jener Stadt fungiert, der so gerne ein ausdauernder Blick zurück nachgesagt wird. Womit wir wieder beim Klischee wären.