Kaiser Haile Selassie (1892-1975), hier auf einer Aufnahme des Schweizer Fotografen Walter Mittelholzer, 1934. - © Archiv
Kaiser Haile Selassie (1892-1975), hier auf einer Aufnahme des Schweizer Fotografen Walter Mittelholzer, 1934. - © Archiv

Es begann im Sommer 1960 mit einem Stelleninserat: Der äthiopische Kaiserhof suchte eine Diätassistentin für die an Diabetes leidende Kaiserin. Bewerberinnen sollten über eine entsprechende Ausbildung verfügen, älter als 40 Jahre sein und Französisch sprechen. Die Österreicherin Lore Trenkler war zu dieser Zeit als Köchin in einem Krankenhaus im deutschen Bad Homburg tätig und als sie diese Anzeige sah, erwachte in ihr das Fernweh. Sie bewarb sich für die Stelle und erhielt bald darauf ein Telegramm mit einer erfreulichen Antwort, sie sollte ihren neuen Posten in Afrika so schnell wie möglich antreten.

Formalitäten mussten noch erledigt werden, aber einige Monate später war es so weit: Eine Maschine der Lufthansa landete in Addis Abeba, an Bord war Lore Trenkler. Neben der Neugier und Vorfreude war die Köchin aber vor allem unsicher: Wie würde sich ihr Leben in Afrika gestalten? Unter welchen Bedingungen würde sie arbeiten, wie mit den kaiserlichen Hoheiten umgehen?

Die ersten Tage in Äthiopien trugen nicht dazu bei, ihre Unsicherheit zu vermindern, denn Trenkler verbrachte sie mit Warten auf die erste Audienz bei Kaiser Haile Selassie. Als es endlich so weit war, wurde sie instruiert, wie sie sich zu verhalten habe. Trotz aller Belehrungen beging Trenkler einen Fauxpas und vergaß einen der vom Zeremoniell vorgeschriebenen Knickse, worüber der Kaiser aber gnädig hinwegsah.

Lost in Addis Abeba

Der fehlende Knicks sollte aber ein geringes Problem sein im Vergleich zu dem, was bald danach kam. Nur wenige Wochen nach Trenklers Ankunft in Addis Abeba reiste Haile Selassie ins Ausland, und Verwandte aus der kaiserlichen Familie nutzten diese Gelegenheit zu einem Staatsstreich. Trenkler konnte aus Sicherheitsgründen den Palast tagelang nicht verlassen. Aber auch nach der Niederschlagung des Putsches stand sie vielen Problemen gegenüber: Sie kannte noch keine Europäer in Addis Abeba, zu Äthiopiern hatte sie aber auch keinen Kontakt, weil sie die Sprache des Landes nicht verstand, und ihre Arbeitsbedingungen im Palast waren mittelalterlich, denn es wurde noch auf offenem Feuer gekocht. Kurz: Trenkler bereute ihren Entschluss, nach Afrika gekommen zu sein.

Aber dann ereignete sich etwas höchst Außergewöhnliches: Der Kaiser kam persönlich in die Küche! Er fragte Trenkler, ob sie sich gut eingelebt habe und gab die Anordnung, dass sie bei ihrer Arbeit unterstützt werden sollte. Der überraschende Besuch gab der Köchin Auftrieb und sie sah ihr neues Leben in einem besseren Licht.